Die Unsicherheit bleibt hoch – und sie verändert die Prioritäten deutscher Unternehmen.
Während regulatorische Vorgaben, Cyberangriffe und geopolitische Konflikte die Risikoagenda dominieren, taucht Künstliche Intelligenz (KI) erstmals als eigenständiges Unternehmensrisiko auf. Gleichzeitig verliert der Klimawandel in den Geschäftsberichten deutlich an Aufmerksamkeit. Das zeigt der neue „Risikomonitor 2026“ der Universität Hohenheim in Stuttgart und der Kommunikationsberatung Crunchtime Communications.
Für die Untersuchung wurden die Geschäftsberichte von 138 Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX analysiert, die zwischen Februar und April 2026 veröffentlicht wurden. Im Fokus standen die Risikoberichte sowie die Vorworte der Vorstandsvorsitzenden.
Externe Risiken dominieren die Unternehmenswelt
Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild: Deutsche Unternehmen sehen sich vor allem Risiken ausgesetzt, die sie selbst kaum beeinflussen können. An der Spitze stehen regulatorische Veränderungen, Cyber-Vorfälle und Finanzthemen wie Zinsentwicklungen, Wechselkursschwankungen oder Handelszölle. Jeweils 96 Prozent der untersuchten Unternehmen nennen diese Faktoren als Risiko.
Ebenfalls stark gestiegen sind geopolitische Entwicklungen und Fragen rund um Recht und Compliance. Konflikte wie der Krieg in der Ukraine oder Spannungen im Nahen Osten wirken sich zunehmend auf die strategische Planung der Unternehmen aus.
„Der Umgang mit Unsicherheit, Disruption und Volatilität ist zur Normalität geworden“, erklärt Johannes Fischer, geschäftsführender Gesellschafter von Crunchtime Communications. Viele Risikoberichte würden inzwischen wie ein Appell an die Politik für verlässliche Rahmenbedingungen wirken.
KI wird erstmals als Geschäftsrisiko genannt
Besonders bemerkenswert ist der Aufstieg des Themas Künstliche Intelligenz. Erstmals führen 26 Prozent der Unternehmen KI als eigenständiges Risiko in ihren Geschäftsberichten auf.
Die Sorge reicht von fehlerhaften KI-Systemen über regulatorische Unsicherheiten bis hin zu Deepfakes, Reputationsschäden und der Abhängigkeit von externen Technologien. Hinzu kommt der Mangel an qualifizierten Fachkräften im KI-Bereich.
Vor allem Unternehmen aus der IT- und Finanzbranche beschäftigen sich intensiv mit den möglichen Schattenseiten der Technologie. Dort wird KI bereits deutlich häufiger als Risiko genannt als in anderen Branchen.
Für Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim ist das ein Zeichen für die zunehmende Relevanz des Themas: „KI verändert viele Lebensbereiche in rasanter Geschwindigkeit. Unternehmen müssen künftig noch stärker erklären, wie sie Risiken beherrschen und gleichzeitig die Chancen der Technologie nutzen wollen.“
Klimawandel verliert deutlich an Aufmerksamkeit
Während KI an Bedeutung gewinnt, verzeichnet der Klimawandel den stärksten Rückgang aller untersuchten Risikofaktoren. Nur noch 56 Prozent der Unternehmen nennen ihn als Risiko – im Vorjahr waren es noch 75 Prozent.
Besonders auffällig: In den Vorworten der Vorstandsvorsitzenden spielt das Thema praktisch keine Rolle mehr. Lediglich zwei Prozent der CEOs sprechen den Klimawandel überhaupt noch als Risiko an.
Die Studienautoren sehen darin eine Verschiebung der öffentlichen und politischen Aufmerksamkeit. Langfristige Nachhaltigkeitsrisiken werden derzeit von akuten geopolitischen und wirtschaftlichen Herausforderungen überlagert.
CEOs sprechen Risiken nur selten offen an
Ein weiteres Ergebnis der Studie wirft Fragen zur Unternehmenskommunikation auf. Obwohl die Risikoberichte umfangreiche Problemfelder beschreiben, greifen viele Vorstandsvorsitzende diese Themen in ihren Vorworten kaum auf.
Im Durchschnitt nennen CEOs lediglich 1,4 der zwölf analysierten Risikokategorien. Fast ein Drittel erwähnt überhaupt kein Risiko. Besonders groß ist die Diskrepanz bei Cyberangriffen: Während 96 Prozent der Unternehmen diese Gefahr im Risikobericht aufführen, sprechen nur vier Prozent der CEOs darüber.
Für die Studienautoren entsteht dadurch eine Glaubwürdigkeitslücke. Stakeholder erwarteten gerade in unsicheren Zeiten Orientierung und Transparenz. Wer Risiken offen anspreche, stärke langfristig Vertrauen und Reputation.
Risiko-Kommunikation wird zum Wettbewerbsfaktor
Der Risikomonitor 2026 zeigt deutlich: Unternehmen stehen zunehmend unter dem Einfluss globaler Entwicklungen, die sich ihrer direkten Kontrolle entziehen. Damit wird nicht nur das Risikomanagement wichtiger, sondern auch die Fähigkeit, Unsicherheiten glaubwürdig zu kommunizieren.
Zwischen geopolitischen Krisen, regulatorischem Druck und technologischen Umbrüchen entwickelt sich die Kommunikation über Risiken selbst zu einem strategischen Erfolgsfaktor – und möglicherweise zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Fotocredits: Universität Hohenheim / Uta Rometsch

