Zwischen Adventszauber und Bergdoktor-Aura: Hans Sigl im Hegelsaal
Hans Sigl gastierte am gestrigen Abend mit seiner weihnachtlichen Lesung im Hegelsaal der Liederhalle – ein Programm, das auf Besinnlichkeit, Humor und literarische Vielfalt setzte, dabei aber auch Brüche offenbarte. Schon der Beginn geriet holprig: Der Künstler betrat die Bühne und verharrte zunächst in einer abwartenden Haltung, bis auch der letzte Platz eingenommen war und das obligatorische Smartphone-Blitzlichtgewitter verebbt war. Selbst die anwesenden Pressefotografen schienen eher als Störfaktor, denn als Teil des Abends wahrgenommen zu werden.

Inhaltlich bot Sigl eine solide Auswahl an Texten, die sich zwischen klassischer Weihnachtsliteratur und moderneren Stücken bewegte. Hans Christian Andersen, Antoine de Saint-Exupéry und andere Autoren wurden mit ruhigem, routiniertem Tonfall vorgetragen. Die Qualität der Texte stand außer Frage, doch die Interpretation blieb stark von jener warmen, verbindlichen Erzählweise geprägt, die man aus Sigls Fernsehrolle kennt. Der Charme des „Bergdoktors“ lag über weiten Strecken spürbar über dem literarischen Abend – so sehr, dass selbst Rilke oder Andersen für Teile des Publikums weniger, wie eigenständige Stimmen wirkten, sondern wie weitere Variationen derselben vertrauten Figur.
Auch musikalisch wollte Sigl Akzente setzen. Gemeinsam mit seinem Trio brachte er traditionelle und moderne Weihnachtsklänge auf die Bühne. Besonders seine bluesigen Einlagen zeugten von Engagement und spürbarem Willen zur musikalischen Erweiterung, blieben handwerklich jedoch ausbaufähig. Der Applaus fiel dennoch wohlwollend aus, was nicht zuletzt an der klaren Publikumsstruktur lag: Rund zwei Drittel der Besucherinnen waren Frauen mittleren Alters, die dem Abend mit sichtbarer Sympathie begegneten – inklusive jener leisen Schwärmerei, die Sigl seit Jahren begleitet.
Dass der Schauspieler die Rolle seines bekanntesten Fernsehcharakters seit nunmehr 18 Jahren tief verinnerlicht hat, war kaum zu übersehen. Sigl spielt den Bergdoktor nicht nur – er verkörpert ihn. So wurde aus der literarischen Schlittenfahrt weniger ein riskanter Parcours als vielmehr eine sichere Fahrt auf bekannten Wegen.
Am Ende blieb ein Abend, der sein Publikum nicht überforderte und genau das bot, was viele erwarteten: einen vorweihnachtlichen Wohlfühlrahmen mit leiser Ironie und sanfter Nachdenklichkeit.
Fotocredits: Ralf Alten Stuttgart Inside

