ROCKIN’ THE CLOCK im Friedrichsbau Varieté
Wenn Elvis auf Hämmerle trifft – und die Zeit kurz den Dienst verweigert
Im Friedrichsbau Varieté Stuttgart wird am Samstagabend nicht einfach nur eine Show gespielt – hier wird die Uhr regelrecht auseinandergenommen. „ROCKIN’ THE CLOCK“, das 10-jährige Bühnenjubiläum von Nils Strassburg und Bernd Kohlhepp, ist weniger ein klassisches Programm als vielmehr ein charmant eskalierendes Zeitexperiment mit Rock’n’Roll-Motor.
Schon beim Betreten des Varietés liegt dieser besondere Mix in der Luft: irgendwo zwischen rotem Samt, Bühnenstaub und der leisen Ahnung, dass heute nichts so bleibt, wie es gerade noch war. Und genau so soll es sein.

Zeitreise mit Störsignal – aber mit Absicht
„ROCKIN’ THE CLOCK“ dreht die vergangenen zehn Jahre gemeinsamer Bühnenprogramme nicht einfach zurück – sie werden live neu verdrahtet. Klassiker aus „Elvis trifft Elvis“ und „Love Letters“ tauchen auf, werden verdreht, neu geölt, wieder auseinandergenommen und im nächsten Moment mit einem Augenzwinkern wieder zusammengesetzt.
Strassburg liefert dabei das, was ihn seit Jahren auszeichnet: eine Elvis-Interpretation, die nicht Kopie ist, sondern energetische Verbeugung mit ordentlich Druck auf dem Verstärker. Wenn er singt, steht Elvis nicht im Raum – er fährt eher mit 200 km/h durch ihn hindurch.
Und dann kommt Kohlhepp.
Oder besser: Herr Hämmerle.
Der schwäbische Bühnenanarchist balanciert wieder einmal souverän zwischen Alltagsphilosophie, Improvisation und kontrollierter Eskalation. Ein Satz, ein Blick ins Publikum – und plötzlich ist die Show nicht mehr Show, sondern gemeinsames Gruppenerlebnis mit unklarer Regie.

Chaos? Ja. Plan? Vielleicht. Wirkung? Garantiert.
Das Konzept des Abends ist schnell erklärt: zwei Profis, ein Jubiläum, viel Musik, viel Humor. Die Umsetzung hingegen verweigert sich jeder einfachen Beschreibung. Mal kippt das Programm in pure Rockshow, dann wieder in kabarettistische Miniaturen, die sich anfühlen wie spontane Gedankenblitze mit Bühnenvertrag.
Und genau darin liegt der Reiz: Die Show wirkt nie glatt. Sie lebt vom Bruch, vom Übergang, vom „Was passiert eigentlich gerade?“-Moment im Publikum. Wenn Elvis auf schwäbischen Witz trifft, entsteht kein Clash – sondern ein ziemlich gut gelaunter Kurzschluss.
Ein Publikum zwischen Mitsingen und Mitlachen
Im Saal wird schnell klar: Hier gibt es keine Zuschauer im klassischen Sinn. Eher so etwas wie temporäre Mitwirkende mit Sitzplatz. Es wird gelacht, geklatscht, gestaunt – und nicht selten gleichzeitig gesungen und geschmunzelt.
Die Energie im Raum ist dabei weniger geschniegelt als vielmehr angenehm unberechenbar. Genau das, was Live-Entertainment im Jahr 2026 selten, aber umso wertvoller macht.

Fazit: Ein Jubiläum, das nicht zurückblickt – sondern nach vorne springt
„ROCKIN’ THE CLOCK“ ist kein nostalgischer Rückblick auf zehn Jahre Zusammenarbeit. Es ist ein bewusst überdrehter Neustart im Rückspiegel-Modus – laut, witzig, musikalisch stark und herrlich unberechenbar.
Oder anders gesagt: Wenn Zeitreisen immer so klingen würden, hätte die Physik ein ernstes Entertainment-Problem.
Im Friedrichsbau endet der Abend nicht mit einem Schlussakkord, sondern eher mit dem Gefühl, dass die Uhr zwar weiterläuft – aber heute Abend kurz gelernt hat, zu grooven.
Fotocredits: Ralf Alten

