Der Lehrplan muss ins Klassenzimmer passen
Es regnet.
In wenigen Wochen beginnt die Schule wieder, und ich sitze an meinem Schreibtisch, um das kommende Schuljahr vorzubereiten.
Vor mir liegen die Bildungspläne meiner Fächer.
Und während ich sie durchlese, denke ich an einen Widerspruch, über den wir wenig reden:
Unsere Lehrpläne werden immer voller. Gleichzeitig zeigen uns die Bildungsstudien, dass immer mehr Schüler selbst grundlegende Kompetenzen nicht sicher beherrschen.
PISA 2022 brachte für Deutschland in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften die niedrigsten Ergebnisse, die dort je gemessen wurden. Der IQB-Bildungstrend 2024 setzt das Bild fort: In Mathematik und den Naturwissenschaften werden Regelstandards seltener erreicht und Mindeststandards häufiger verfehlt als noch 2012 beziehungsweise 2018.
Natürlich beweist das nicht, dass übervolle Lehrpläne die Ursache sind. Dafür sind die Gründe viel zu vielfältig.
Aber es zeigt ziemlich eindrucksvoll, dass „steht im Lehrplan“ noch lange nicht bedeutet: „können unsere Schüler“.
Und was machen wir?
Wir packen mehr hinein.
Medienbildung. Demokratiebildung. Finanzbildung. Nachhaltigkeit. Digitalisierung. KI.
Alles wichtig.
Aber Bildungszeit ist endlich.
Ein Schuljahr bekommt nicht plötzlich drei Wochen mehr, nur weil uns ein weiteres gesellschaftliches Problem aufgefallen ist.
Trotzdem verhalten wir uns genau so.
Wir entdecken ein Problem und schreiben es in den Lehrplan. Dann steht es dort. Also lernen junge Menschen es.
Haken dran.
Nur stimmt das offensichtlich nicht.
Zwischen „steht im Lehrplan“, „wurde unterrichtet“ und „wurde gelernt“ liegen Welten.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir versuchen, die Probleme unseres Bildungssystems durch Vollstopfen zu lösen.
Dabei bleibt mit jedem zusätzlichen verbindlichen Inhalt weniger Zeit für das, was Lernen überhaupt erst möglich macht: erklären, üben, wiederholen, diskutieren, anwenden, vergessen – und noch einmal lernen.
Zwischen „behandelt“ und „verstanden“ liegt Unterricht.
Wenn ein Lehrer am Ende des Jahres sagen kann, er habe alles geschafft, seine Schüler drei Monate später aber kaum noch etwas damit anfangen können, hat vielleicht der Stoffverteilungsplan funktioniert.
Die Bildung hat es nicht.
Deshalb würde ich die Frage umdrehen.
Nicht:
Was müssen wir noch in den Lehrplan schreiben?
Sondern:
Was muss am Ende tatsächlich in den Köpfen unserer Schüler sein?
Und erst danach: Wie viel Stoff verträgt die Zeit, die wir dafür haben?
Das zwingt uns zu einer unangenehmen Frage. Was kann raus?
Ich weiß es nicht.
Und genau das ist der Punkt.
Ich möchte es nicht am Schreibtisch entscheiden.
Ich würde Schulen suchen. Viele Schulen, unterschiedliche Schularten, unterschiedliche Voraussetzungen. Und Kollegen, die Lust haben mitzumachen.
Dann würde ich erst einmal messen, was wir bisher erstaunlich wenig messen:
Wie viel Bildungszeit kostet unser Lehrplan tatsächlich – und was bleibt davon übrig?
Wie lange braucht ein Thema wirklich? Wo fehlt Vorwissen? Wo wiederholen wir Dinge, die anderswo längst unterrichtet wurden? Was wird regelmäßig nur noch durchgenommen, weil das nächste Thema wartet?
Und vor allem würde ich Monate später die Schüler testen:
Was ist noch da?
Nicht für die nächste Klassenarbeit gelernt. Nicht gestern Abend wiederholt.
Was können sie erklären, anwenden, miteinander verbinden?
Dann würde ich anfangen zu streichen, zusammenzulegen, Kernwissen festzulegen und an anderer Stelle mehr Zeit zu geben.
Und wieder ins Klassenzimmer gehen.
Ausprobieren. Nachmessen. Ändern.
Vielleicht haben wir zu viel gestrichen. Dann kommt etwas zurück.
Vielleicht stellt sich heraus, dass ein Thema, das im Bildungsplan zwei unscheinbare Zeilen einnimmt, für alles Weitere unverzichtbar ist. Dann bekommt es mehr Zeit.
Vielleicht stellen wir aber auch fest, dass wir seit Jahren Wochen mit etwas verbringen, von dem ein halbes Jahr später kaum etwas geblieben ist.
Dann müssen wir darüber reden, warum es für alle verbindlich sein soll.
Lehrer wären dabei nicht diejenigen, denen am Ende ein fertiger Lehrplan zum „Pilotieren“ gegeben wird.
Sie wären Mitentwickler.
Fachwissenschaft und Fachdidaktik gehören dazu. Natürlich.
Aber ebenso die Menschen, die jeden Tag sehen, was passiert, wenn aus einer Zeile im Bildungsplan 30 Schüler und 45 Minuten werden.
Und am Ende entscheidet nicht, ob wir einen Inhalt wichtig finden.
Fast alles ist wichtig.
Die entscheidende Frage lautet:
Ist er wichtig genug für die Bildungszeit, die er kostet?
Ja, das kostet Geld.
Und Zeit. Lehrerarbeitszeit, wissenschaftliche Begleitung und vermutlich einige Jahre.
Aber seit dem ersten PISA-Schock sind mehr als zwanzig Jahre vergangen.
Zwanzig Jahre, in denen wir immer wieder feststellen, dass zu viele junge Menschen grundlegende Dinge nicht sicher können – und gleichzeitig immer neue Dinge festlegen, die sie zusätzlich können sollen.
Vielleicht sollten wir uns jetzt die Zeit nehmen, diesen Widerspruch aufzulösen.
Nicht noch mehr hineinschreiben. Erst einmal herausfinden, was wirklich ankommt.
Und danach würde für mich eine einfache Regel gelten:
Wer etwas Neues verbindlich in einen Lehrplan schreiben will, muss nicht nur erklären, warum es wichtig ist.
Er muss auch sagen:
Was kommt dafür heraus?
Denn Bildungszeit ist eine sehr knappe Ressource.
Vielleicht sogar eine der wertvollsten, die wir verteilen.
Draußen regnet es noch immer.
Vor mir liegen dieselben Bildungspläne.
Vielleicht wären sie nach einer solchen Reform kürzer.
Das wäre mir ziemlich egal.
Vielleicht hätten unsere Schüler am Ende weniger Stoff durchgenommen.
Aber mehr gelernt.
Text und Fotocredits: Juliane Becker

