J’accuse…!
Ich klage an.
Ich klage die Gemeinschaftsschule an.
Ich klage Baden Württembergs Politik an.
Ich klage eine Bildungspolitik an, die seit Jahren ein Versprechen wiederholt, ohne mir die Frage zu beantworten, die mich als Lehrerin interessiert:
Können die Kinder am Ende mehr?
Ich unterrichte in der beruflichen Oberstufe.
Jedes Jahr sitzen junge Menschen vor mir, die den erforderlichen Notenschnitt geschafft haben. Sie dürfen in die Oberstufe. Auf dem Papier haben sie alles, was sie dafür brauchen.
Und dann lege ich ihnen einen Text vor. Keinen Kant, keinen Goethe, keine 40 Seiten Literaturtheorie.
Einen Zeitungsartikel.
Und etliche scheitern.
Sie finden die zentrale Aussage nicht. Sie können Informationen nicht sauber miteinander verbinden.
Sie erkennen Argumentationsstrukturen nicht.
Sie schreiben Sätze, bei denen man nach zweimaligem Lesen noch überlegt, was sie eigentlich sagen wollten.
Diese Schüler sind nicht dumm. Überhaupt nicht.
Und deshalb ärgert mich die Sache so.
Denn irgendjemand hat ihnen vorher jahrelang signalisiert: Es reicht.
Und ich frage mich: Wer hat euch im Stich gelassen?
Baden-Württemberg hat 2012 die Gemeinschaftsschule eingeführt. Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen sollen gemeinsam lernen. Sie arbeiten auf unterschiedlichen Niveaustufen, bekommen individualisierte Lernangebote, Lerncoaching und Lernentwicklungsberichte. Die Entscheidung über den Abschluss fällt spät.
Das Kultusministerium bezeichnet die Gemeinschaftsschule bis heute als leistungsorientierte Schule. Jeder Schüler solle dort auf dem für ihn bestmöglichen Niveau lernen.
Ein großes Versprechen.
Also habe ich nachgesehen, wie gut dieses Versprechen wissenschaftlich überprüft worden ist.
Und bin über einen Satz gestolpert.
Das Land Baden-Württemberg ließ die Einführung der Gemeinschaftsschule von acht Hochschulen und 31 Wissenschaftlern begleiten.
Im Abschlussbericht steht: „Leistungsvergleiche waren gemäß Auftrag kein begründetes Anliegen dieses Projektes.“
Bitte was?!
Wir führen eine neue Schulart ein.
Wir verändern Unterricht grundlegend.
Wir setzen auf heterogene Lerngruppen, Individualisierung, selbstständige Lernzeiten und Lerncoaching.
Und bei der wissenschaftlichen Begleitung gehört die Frage, ob vergleichbare Schüler anschließend mehr oder weniger können, nicht zum Auftrag?
Mich interessiert aber genau das.
Ich möchte wissen, ob sie lesen können. Schreiben. Rechnen. Denken.
Und ausgerechnet und dennoch die wissenschaftliche Begleitung liefert einige Befunde, bei denen man genauer hinsehen sollte.
Die Forscher beobachteten Schüler mit unterschiedlichem Leistungsniveau in verschiedenen Unterrichtsformen.
Die leistungsstarken Schüler kamen mit offenen individuellen Lernzeiten gut zurecht.
Surprise …
Bei den leistungsschwächeren Schülern sah es anders aus.
Ganz anders.
Sie zeigten in den stärker von der Lehrkraft gesteuerten Inputstunden eine signifikant höhere aktive Lernzeit als in individuellen Lernphasen.
Das ist interessant.
Denn gerade den schwächeren Schülern sollte die Individualisierung helfen.
Tja.
Die Forscher warnen zu Recht davor, daraus die Forderung nach Dauerfrontalunterricht abzuleiten. Aber sie schreiben auch, was diese Schüler brauchen:
Klare fachliche Strukturierung. Präzise Anleitung.
Das überrascht mich überhaupt nicht.
Wer einen Text problemlos versteht, kann sich vieles selbst erschließen.
Wer bereits am Textverständnis scheitert, braucht nicht zuerst mehr Freiheit.
Er braucht jemanden, der ihm Lesen beibringt.
Und dann habe ich mir angesehen, was die Forscher über den Deutschunterricht schreiben.
Sie untersuchten 286 Aufgaben zum literarischen Lesen aus acht Gemeinschaftsschulen.
Ihr Befund: Lesen wurde als basale Fähigkeit weitgehend vorausgesetzt.
Ausgerechnet bei ungeübten Lesern, die Unterstützung vor und während des Lesens benötigen, fanden die Forscher in den untersuchten Aufgaben „wenig unterstützende Merkmale zur Steuerung des eigenen Leseprozesses“.
Wie bitte?
Wir bauen eine Schulart um die Idee der Heterogenität herum – und bei den Kindern, die beim Lesen besondere Unterstützung brauchen, wird Lesen teilweise erst einmal vorausgesetzt?
Auch bei Diagnostik und Leistungsbeurteilung zeigt die Studie Probleme.
Methoden einer individualisierten und prozessorientierten Schreibdiagnostik und Schreibförderung wurden laut den Forschern lediglich von einzelnen Lehrkräften umgesetzt.
Dabei ist doch gerade eine hervorragende Diagnostik die Voraussetzung für das ganze Modell.
Wenn drei Leistungsniveaus gleichzeitig in einem Raum unterrichtet werden, muss ich schließlich wissen, wo jedes einzelne Kind steht.
Und während wir über Konzepte diskutieren, zeigt VERA 8 ein reales Problem:
2024 erreichten in Baden-Württemberg 22 Prozent der Achtklässler beim Lesen nicht den Mindeststandard für den mittleren Schulabschluss.
Die Ursachen sind vielfältig. Soziale Herkunft. Die zu Hause gesprochene Sprache. Corona. Und noch einiges mehr.
Alles richtig.
Nur lesen können die Kinder davon auch nicht besser.
Wer Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam unterrichtet, muss diese Unterschiede auffangen können.
Wer selbstständiges Lernen zum Prinzip erhebt, muss dafür sorgen, dass gerade diejenigen nicht verloren gehen, die sich Inhalte noch nicht selbstständig erschließen können.
Und wenn wir einem jungen Menschen am Ende bescheinigen, dass seine Leistungen für den nächsten Bildungsweg reichen, dann muss dieses Zeugnis etwas bedeuten.
Hier beginnt die Verantwortung der Politik.
Nicht beim Kind, das mit 16 oder 17 Jahren vor meinem Text sitzt und ihn nicht versteht.
Dieses Kind hat jahrelang gemacht, was unser Bildungssystem von ihm verlangt hat.
Wir haben ihm gesagt, dass es reicht.
Dann kommt es zu uns in die Oberstufe.
Und plötzlich soll es analysieren, abstrahieren, argumentieren, Quellen bewerten und komplexe Texte verstehen.
Manche schaffen diesen Sprung.
Manche schaffen ihn mit enormer Arbeit.
Und manche schauen mich an und verstehen überhaupt nicht, weshalb das, was zehn Schuljahre lang gereicht hat, plötzlich nicht mehr reicht.
Ich kann versuchen, diesen Schülern zu helfen.
Aber ich kann in der Oberstufe nicht nebenbei zehn Jahre Deutschunterricht nachholen.
Deshalb klage ich ein System an, das gute Absichten zu lange mit guten Ergebnissen verwechselt hat.
Und ich klage eine Politik an, die sich viel zu lange mit pädagogischen Konzepten zufriedengegeben hat, statt eine sehr einfache Frage zu stellen:
Was können die Kinder vorher – und was können sie nachher?
Wir haben die Daten. Wir haben VERA und Abschlussprüfungen.
Und wir haben berufliche Schulen, die sehen, mit welchen Kompetenzen junge Menschen bei ihnen ankommen.
Nutzen wir diese Daten!
Vergleichen wir Schüler mit vergleichbaren Ausgangsvoraussetzungen.
Schauen wir hin, was Gemeinschaftsschule, Realschule, Gymnasium und Werkrealschule tatsächlich leisten.
Ohne Ideologie. Bitte.
Denn Schule ist kein pädagogisches Experiment, bei dem wir nach zwanzig Jahren feststellen dürfen, dass die Idee wunderschön war.
Es geht um Lebenszeit.
Und zwar nicht um unsere.
Um die der Kinder.
Text: Juliane Becker

