Stuttgarter Weindorf – aber wo ist der Stuttgarter Wein?
In Stuttgart wächst Wein. Und zwar nicht nur ein bisschen.
In 16 von 23 Stadtbezirken stehen Reben. Rund 400 Hektar Weinberge ziehen sich durch die Stadt. Stuttgart besitzt ein eigenes Weingut, dazu kommen Genossenschaften, traditionsreiche Familienbetriebe und kleine Wengerter.
Gerade feiert diese Stadt 50 Jahre Stuttgarter Weindorf.
Und ausgerechnet dort muss man nach dem Stuttgarter Wein suchen.
Ich bin über die Behauptung gestolpert, nur etwa 20 Prozent der mehr als 500 angebotenen Weine stammten tatsächlich aus Stuttgart.
20 Prozent?
Das wollte ich überprüfen.
Ich kann es nicht.
Und genau das ist der erste Befund dieser Geschichte.
Der Veranstalter veröffentlicht zwar, dass auf dem Weindorf mehr als 500 Weine ausgeschenkt werden. Eine Zahl dazu, wie viele davon aus Stuttgart stammen, findet sich jedoch nicht.
Also habe ich angefangen, mich durch die Lauben und Weinkarten zu arbeiten.
Schnell wird klar: Stuttgarter Weindorf bedeutet keineswegs Stuttgarter Wein.
Ausgeschenkt wird aus ganz Württemberg. Fellbach ist dabei, das Remstal, Cleebronn-Güglingen, Weinsberg und zahlreiche weitere Weinorte.
Daran ist nichts verkehrt. Im Gegenteil. Württemberg hat hervorragende Weine.
Nur hat Stuttgart die eben auch.
Und deshalb wird es interessant.
Natürlich gibt es Stuttgarter Wein auf dem Weindorf. Das Weingut der Stadt Stuttgart schenkt nach eigenen Angaben ausschließlich selbst gekelterte Weine aus eigenen Trauben aus und wirbt nicht ganz unbescheiden mit den „regionalsten Weinen des gesamten Weindorfs“.
Currle kommt aus Uhlbach. Die STADT LAUBE setzt auf das Stuttgarter Weingut Diehl. Weitere Stuttgarter Erzeuger sind ebenfalls vertreten.
Nur ist „regional“ auf dem Stuttgarter Weindorf ein ziemlich großzügiger Begriff.
Bei den Speisen lässt sich sogar nachlesen, was darunter verstanden wird. Für das neue Siegel „Speise aus der Region“ müssen mindestens 75 Prozent der Hauptzutaten aus Baden-Württemberg stammen.
Baden-Württemberg.
Nicht Stuttgart.
Beim Wein ist die geografische Reise ebenfalls schnell gemacht.
Und beim Sekt wird sie noch ein bisschen länger.
Auf mehreren Karten steht Kessler. Das passt zunächst wunderbar. Deutschlands älteste Sektkellerei sitzt gleich nebenan in Esslingen und produziert dort ihren Sekt.
Mehrheitseigner von Kessler ist allerdings seit Jahren die Trentiner Winzergenossenschaft Cavit. Sie hält 50,1 Prozent und beliefert Kessler auch mit Sektgrundweinen.
Der Sekt entsteht in Esslingen. Der Wein dafür muss nicht einmal aus Württemberg kommen.
Auch das fällt unter das große Dach der Regionalität.
Doch der schönste Fund kommt erst noch.
Zum 50. Geburtstag des Stuttgarter Weindorfs gibt es eine besondere BW-Bank-Laube.
Der Veranstalter beschreibt sie als zwei Lauben mit vier Theken und kündigt dort acht ausgewählte kleine Stuttgarter Weingüter an. Auf derselben Seite werden anschließend sogar elf Namen genannt – möglicherweise wechseln die Betriebe während des Festes.
Entscheidend ist aber ein anderer Satz.
Dank der Unterstützung der BW-Bank bekämen insbesondere kleinere Betriebe die Möglichkeit, „Teil des Stuttgarter Weindorfs zu werden“.
Den muss man zweimal lesen.
Kleine Stuttgarter Weinbaubetriebe bekommen dank eines Sponsors die Möglichkeit, Teil des Stuttgarter Weindorfs zu werden.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Geschichte.
Das Stuttgarter Weindorf ist offenbar längst weniger ein Fest des Stuttgarter Weins als ein württembergisches Weinfest in Stuttgart.
Das kann man wollen. Es spricht einiges dafür. Ein großes Weinfest lebt von Auswahl, und die Stadt endet nun einmal nicht dort, wo guter Wein endet.
Aber Stuttgart ist eben auch nicht irgendein Veranstaltungsort.
Es ist eine der wenigen deutschen Großstädte, in denen Weinberge zum Stadtbild gehören. In 16 von 23 Stadtbezirken wird Wein angebaut.
Und deshalb würde mich zum 50. Geburtstag eine ziemlich einfache Zahl interessieren.
Mehr als 500 Weine werden auf dem Stuttgarter Weindorf ausgeschenkt.
Wie viele davon sind Stuttgarter?
Die oft genannten 20 Prozent kann ich bislang nicht belegen.
Vielleicht sind es mehr.
Vielleicht weniger.
Aber dass ausgerechnet diese Zahl nicht veröffentlicht wird, während kleine Stuttgarter Wengerter einen Sponsor brauchen, um gemeinsam auf dem Stuttgarter Weindorf sichtbar zu werden, ist bemerkenswert genug.
Vielleicht sollte das 51. Stuttgarter Weindorf mit einer ganz einfachen Idee beginnen:
Mehr Stuttgart ins Stuttgarter Weindorf.

