1. Oktober 2026 / Stuttgart und der Rest der Republik (Kolumne)

Populismus mit dem Taschenrechner: Juliane Becker über Reichensteuer und Milliardäre

Kolumnistin Juliane Becker hinterfragt die geplante Vermögensteuer und das politische Bild vom Milliardär als Schuldigen für soziale Ungleichheit.

Veröffentlicht am 1. Oktober 2026 um 10:14 Uhr

Populismus mit dem Taschenrechner

Das Klima zieht nicht mehr, die große Transformation hat vor allem sehr viel Geld gekostet, also jetzt: die Reichen.

Am besten die ganz Reichen. Die kann man wunderbar besteuern, denn fast niemand gehört dazu und fast jeder darf sich dabei moralisch überlegen fühlen.

Die Grünen wollen Vermögen ab 500 Millionen Euro künftig mit zwei Prozent besteuern. Bei einer Milliarde sollen es drei Prozent sein, bei zehn Milliarden vier Prozent.
Jedes Jahr.

Betroffen wären nach Berechnungen der Grünen nur einige Hundert Haushalte. Rund 20 Milliarden Euro soll das bringen.

Und natürlich braucht man dafür einen Bösewicht.

Die grüne Finanzpolitikerin Karoline Otte hat ihn gefunden: Auf der einen Seite steht „der Milliardär, dem die ganze Supermarktkette gehört“, auf der anderen „die Frau an der Kasse“.

Der Milliardär hat. Die Kassiererin arbeitet.

Klassenkampf für Dummies.

Also nehmen wir doch genau diesen Milliardär mit Supermarktkette.

Dieter Schwarz. Lidl. Kaufland. Heilbronn.

604.000 Beschäftigte weltweit. 217.000 davon in Deutschland. 185,6 Milliarden Euro Umsatz. Neun Milliarden Euro Investitionen in einem Jahr, davon 3,7 Milliarden in Deutschland.

Seine Stiftung finanziert in Heilbronn 32 TUM-Professuren für zunächst 30 Jahre. Dazu kommen Max Planck, ETH Zürich, Hochschulen, Start-ups und 50 Millionen Euro für den KI-Innovationspark IPAI.

Und dann kommt zuverlässig der Satz: „Keiner muss Milliardär sein.“

Nein. Muss keiner.

Keiner muss Lidl aufbauen. Keiner muss Kaufland aufbauen. Keiner muss 604.000 Menschen beschäftigen. Keiner muss Milliarden investieren. Keiner muss Universitäten finanzieren.

Aber verdammt gut, dass es Menschen gibt, die es tun.

Und bevor wir so tun, als müssten die Erfolgreichen in diesem Land endlich anfangen, ihren Beitrag zu leisten, ein paar Zahlen.

Die oberen zehn Prozent der Lohn- und Einkommensteuerpflichtigen zahlen rund 57 Prozent der gesamten Lohn- und Einkommensteuer. Beim Solidaritätszuschlag sind es rund 97 Prozent.

Bei den Unternehmen wird es noch deutlicher: Gerade einmal 0,5 Prozent der deutschen Unternehmen haben mehr als 250 Beschäftigte. Diese 0,5 Prozent erwirtschaften 54 Prozent des Unternehmensumsatzes und beschäftigen 17,3 Millionen Menschen – 43 Prozent aller abhängig Beschäftigten im Unternehmensregister.

Man kann über Verteilung reden. Man sollte aber gelegentlich darüber reden, wer etwas erwirtschaftet, bevor man es verteilt.

Jetzt sagen die Grünen: Das reicht nicht.

Jetzt soll zusätzlich der Vermögensbestand besteuert werden. Jahr für Jahr.

Dabei wird so getan, als lägen diese Milliarden irgendwo herum. 

Tun sie nicht. Sie stecken in Unternehmen, Grundstücken, Filialen, Logistik, Rechenzentren, Beteiligungen und Investitionen.

Dieter Schwarz ist nicht deshalb Milliardär, weil irgendwo anders Milliarden fehlen. Er ist Milliardär, weil das, was aufgebaut wurde, sehr viel wert ist.

Die Wirtschaft ist kein Kuchen, bei dem Dieter Schwarz ein besonders großes Stück gegessen hat und deshalb für die Kassiererin nur noch ein Krümel übrig ist.

Genau deshalb ist dieses Bild vom Milliardär und der Kassiererin so billig.

Die Kassiererin wird keinen Cent reicher, wenn Dieter Schwarz eine Milliarde ärmer wird.

Deutschland nimmt inzwischen annähernd eine Billion Euro Steuern im Jahr ein. Und trotzdem lautet die Antwort wieder: mehr.

Diesmal sollen es einige Hundert sehr reiche Haushalte richten.

Ein Staat, der mit annähernd einer Billion Euro Steuereinnahmen nicht zurechtkommt, sollte nicht versuchen, Dieter Schwarz ärmer zu machen.

Er sollte ihn um Rat bitten. 

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