4. August 2026 / Stuttgart und der Rest der Republik (Kolumne)

Islamismus – das neue Scientology? Juliane Becker Kolumnistin über Strategien der Einflussnahme

Juliane Becker untersucht, wie islamistische Netzwerke Menschen gewinnen – und warum Methoden der Einflussnahme an frühere Debatten erinnern.

Veröffentlicht am 4. August 2026 um 09:22 Uhr

Islamismus – das neue Scientology?

Vor ein paar Tagen zeigte mir Instagram das Video einer jungen Frau. Sie erzählte, dass sie sich bereits mit 16 Jahren gegen den Willen ihrer Familie für den Islam entschieden habe.

Sie sprach von Geborgenheit, Klarheit und einem neuen Sinn im Leben.

Auf mich wirkte sie seltsam entrückt, fast als sei sie ganz bei sich und gleichzeitig ganz woanders. Ihre Worte klangen beinahe einstudiert, als erzähle sie eine Geschichte, die sie schon oft erzählt hatte.
Vielleicht war das nur mein Eindruck.

Aber genau dieser Eindruck war der Moment, in dem ich begann, genauer hinzuschauen.

Nicht ihre Entscheidung beschäftigte mich. Mich beschäftigte die Frage, was diesem Entschluss vorausgegangen war.

Wie verändert sich ein Mensch so grundlegend?

Wer begleitet einen solchen Prozess?

Wer gibt Orientierung, Gemeinschaft und Antworten?

Ein paar Tage später stieß ich im Netz auf einen Flyer.

Wohnungs-Daʿwa.

Eine Veranstaltung im privaten Rahmen.
Nur für Frauen.
Anmeldung mit vollständigem Namen und WhatsApp-Nummer.
Die Adresse wird erst am Tag zuvor bekannt gegeben.

Ich merkte, dass mich die Sache nicht mehr losließ.

Mich interessierte nicht mehr die Konversion. Mich interessierte der Weg dorthin.

Wie gelingt es Organisationen, Menschen Schritt für Schritt für sich zu gewinnen?

Was als Neugier begann, entwickelte sich schnell zu einer Recherche.

Und die führte mich nicht zur Religion Islam, sondern zu dem, was unter dem Begriff Islamismus verstanden wird: einer politischen Ideologie, die Religion für politische Ziele instrumentalisiert und gezielt neue Anhänger gewinnen will.

In den nächsten Tagen landen Verfassungsschutzberichte, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Interviews mit Extremismusforschern und Berichte von Eltern auf meinem Schreibtisch, deren Kinder sich islamistischen Milieus angeschlossen haben.

Ich telefoniere, lese, vergleiche Quellen und merke schnell: Mein Bild vom Islamismus war veraltet.

Ich dachte zuvor an die Koranstände in den Fußgängerzonen und an Männer mit langen Gewändern und langen Bärten auf öffentlichen Plätzen.

So stellte ich mir die Rekrutierungsstrategien islamistischer Gruppen jedenfalls vor.

Mit jedem Bericht wurde deutlicher, dass dieses Bild nicht mehr zur Realität passte.

Nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz werden rund 28.280 Personen dem islamistischen Spektrum zugerechnet. Rund 11.000 gehören dem salafistischen Milieu an – der größten islamistischen Strömung Deutschlands. Für Baden-Württemberg gehen die Sicherheitsbehörden von rund 1.350 Salafisten aus.

Die Zahlen sind interessant.

Noch interessanter fand ich, dass fast jeder Bericht dieselbe Entwicklung beschreibt.

Mit jedem Bericht entstand dasselbe Bild: Wer heute Menschen gewinnen will, stellt sich nicht mehr mit einem Büchertisch in die Fußgängerzone.

Statt Fußgängerzonen spielen heute Instagram, TikTok, Telegram, WhatsApp und kleine private Treffen eine zentrale Rolle.

Daʿwa findet offenbar dort statt, wo junge Menschen ohnehin einen großen Teil ihres Tages verbringen.
Im Netz.

Ein Name begegnet mir immer wieder.

Hanna Hansen.

Früher Model, DJane und Kickbox-Weltmeisterin.

Heute gilt sie nach Einschätzung des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes als eine der bekanntesten islamistischen Influencerinnen Deutschlands.

In ihren Videos geht es selten um Gewalt oder politische Forderungen.

Sie spricht über Alltag, Familie, Kleidung, Glauben und Lebensführung, über Gemeinschaft und Schwesternschaft.

Gerade das machte sie für meine Recherche interessant.

Wer ihre Videos zum ersten Mal sieht, versteht schnell, warum sie erfolgreich ist. Freundlich, ruhig, nahbar – nichts erinnert an das Bild, das viele Menschen von islamistischer Propaganda haben.

Hunderttausende Menschen folgen ihr in den sozialen Medien.

Der baden-württembergische Verfassungsschutz beschreibt, dass islamistische Influencerinnen gezielt junge Frauen ansprechen.

Sie organisieren Veranstaltungen, bauen Netzwerke auf und erreichen Zielgruppen, die männliche Prediger häufig gar nicht erreichen.

Es geht um Selbstwert, Weiblichkeit, Familie, Beziehungen und Orientierung.

Die Treffen finden in kleinen Gruppen statt. Man lernt sich kennen, tauscht Telefonnummern aus und bleibt über Messenger in Kontakt.

Radikalisierungsforscher weisen seit Jahren darauf hin, dass sich Menschen selten zuerst an eine Ideologie binden.
Sie binden sich zuerst an Menschen.

Die Beratungsstelle HAYAT und die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundes begleiten Familien, deren Kinder sich islamistischen Milieus angeschlossen haben.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, dieselbe Geschichte immer wieder zu lesen.

Neue Freundschaften. Neue Regeln. Alte Interessen verschwinden. Der Kontakt zur Familie verändert sich. Die Gespräche werden erst laut, dann verstummen sie.

Eltern erzählen, dass sie ihr eigenes Kind irgendwann kaum noch wiedererkennen.

Manche sagen einen Satz, den ich in verschiedenen Interviews fast wortgleich gelesen habe:
„Wir haben unser Kind verloren, obwohl es noch lebt."

Bis zu diesem Punkt meiner Recherche hatte ich mich mit Daʿwa, Salafismus und islamistischen Influencerinnen beschäftigt.

Plötzlich musste ich an Scientology denken.

Wer wie ich in den 1980er- und 1990er-Jahren erwachsen geworden ist, erinnert sich wahrscheinlich noch gut daran.

Scientology war ständig Thema. Hollywoodstars bekannten sich dazu, gleichzeitig berichteten Aussteiger über persönlichen und wirtschaftlichen Ruin.

Schulen informierten darüber, Kommunen verteilten Broschüren und Politiker diskutierten öffentlich über Rekrutierungsmethoden und psychologische Einflussnahme.

Der Einstieg wirkte selten spektakulär.

Es ging um Persönlichkeitsentwicklung, Kommunikation, Gemeinschaft, Sinnsuche oder die Suche nach einem besseren Leben.

Erst später wurden viele Menschen mit dem eigentlichen Weltbild der Organisation konfrontiert.

Genau an dieser Stelle verstand ich, warum mir Scientology überhaupt in den Sinn gekommen war.

Nicht wegen der Inhalte oder der Religion, sondern wegen der Methodik, wie Menschen für eine Gruppe gewonnen und immer enger an sie gebunden werden.

Ich kam nicht umhin, mich zu fragen:

Warum haben wir damals so intensiv über Rekrutierungsmethoden gesprochen – und diskutieren heute vor allem über Ideologien?

Die Religionswissenschaft spricht heute nicht mehr von Sekten, sondern von High-Control-Gruppen.

Gemeint sind Gruppen, die Menschen nicht von heute auf morgen überzeugen, sondern Schritt für Schritt an sich binden.

Gemeinschaft entsteht oft vor Überzeugung. Vertrauen vor Ideologie.

Wer sich mit dieser Forschung beschäftigt, stößt immer wieder auf dieselben Begriffe: Identität, Zugehörigkeit, charismatische Leitfiguren, Abgrenzung vom bisherigen Umfeld und der Anspruch, im Besitz einer besonderen Wahrheit zu sein.

In der öffentlichen Debatte reden wir seit Jahren über Kopftücher, Moscheen, Integration und Religion.

Mich hat diese Recherche zu einer anderen Frage geführt.

Wie werden Menschen eingefangen?

Wie entsteht Bindung?

Und woran erkennen Familien, Lehrer oder Freunde, dass aus Orientierung langsam Abhängigkeit wird?

Vielleicht lohnt es sich, genau dort genauer hinzusehen

Foto: Laurence Chaperon

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