Wie ich erkannte, dass Christopher Nolan den Glauben ans Kino verloren hat
Homer. Christopher Nolan.
Mehr Kino geht eigentlich nicht.
Ich ging mit großen Erwartungen ins Kino – und schaute nach fünf Minuten zum ersten Mal auf die Uhr.
Warum mich ausgerechnet einer der größten Regisseure unserer Zeit enttäuscht hat und weshalb ich glaube, dass Christopher Nolan dem Medium Film nicht mehr vertraut.
Drei Stunden Odyssee.
Leider nicht die, die ich erwartet hatte.
Ich habe mich auf diesen Film gefreut.
Homer. Christopher Nolan.
Das kann eigentlich nicht schiefgehen.
Also habe ich vorher bewusst keine Kritiken gelesen. Ich wollte völlig unvoreingenommen ins Kino.
Eine einzige Ausnahme habe ich gemacht.
Die NZZ. Darin regten sich Historiker über Kostüme und Ausstattung auf. Ich erinnere mich noch genau, wie ich dachte: Meine Güte, wie kleinlich. Das ist doch keine Doku. Das ist Kino.
Natürlich schaut man sich so einen Film auch nicht im Arthauskino an. Ich bin definitiv zu alt, um mich drei Stunden auf unbequeme Sitze zu quetschen und dabei auf eine Klimaanlage zu hoffen.
Also Cinemax.
Die Sitze sind großartig.
Der Nachteil sitzt neben einem.
Ich weiß, ich klinge jetzt wie eine grantige alte Frau. Aber müssen Menschen im Kino wirklich Nachos essen? Drei Stunden lang? Ich verstehe Popcorn. Aber Nachos? Dieses Knacken, Kauen und Rascheln bringt mich zuverlässig aus jeder Atmosphäre.
Vielleicht glaubt Christopher Nolan deswegen inzwischen, dass man seinem Publikum alles mehrfach erklären muss, weil ohnehin keiner mehr richtig hinschaut und lieber kaut-
vielleicht hat er sogar recht.
Der Film beginnt.
Nach fünf Minuten schaue ich das erste Mal auf die Uhr.
Das ist mir noch nie passiert. Also, in einem Nolan Film. Ansonsten schaue ich sehr gerne auf meine uralte Rolex (Grüße gehen raus an Lars Klingbeil)
Ich versuche gerade noch herauszufinden, woran es liegt, dass ich gelangweilt bin.
Dann taucht Agamemnon auf. Mein erster Gedanke: Darth Vader.
In genau diesem Moment musste ich an die Historiker aus der NZZ denken.
Okay.
Vielleicht hatten sie doch einen Punkt.
Und Helena? Hatte sie eigentlich wirklich eine Zwillingsschwester?
Irgendetwas fühlte sich seltsam an.
Aber das war alles nicht entscheidend.
Mein Problem liegt woanders.
Mich haben die Figuren nicht interessiert. Null.
Und das ist bei der Odyssee eigentlich kaum zu glauben.
Odysseus.
Penelope.
Helena.
Circe.
Figuren, die seit fast 3.000 Jahren Menschen fesseln.
Hier blieben sie für mich auf Distanz.
Robert Pattinson bleibt blass.
Anne Hathaway bekommt kaum Gelegenheit, mehr zu sein als Anne Hathaway. Sie steht rum und ihre Kostüme - vor allem das in ihrer vorletzten Szene- wow. Ich brauche im Herbst unbedingt etwas mit so einem Kragen
Oder Circe … bezirzend ist anders, diese hier ist Typ Biolehrerin und so ähnlich läuft auch die Verwandlung der Männer in Schweine, großes Kino der Maske, keinerlei Magie. Und von Verführung reden wir besser gar nicht. Wo war dieses gefährliche Versprechen, wegen dem selbst ein Mann wie Odysseus alles vergessen könnte?
Ich beginne nachzudenken, was funktioniert hier nicht.
Und irgendwann hatte ich meinen Satz.
Christopher Nolan traut dem Medium Film nicht.
Ein guter Film zeigt. Dieser Film erklärt.Immer wieder. Immer. Dauernd. Schlimm (finde ich)
Figuren erklären ihre Gefühle.
Sie erklären ihre Motive.
Sie erklären Zusammenhänge.
Sie erklären dem Zuschauer, was er gerade verstehen soll.
Dabei gibt es Gesichter.
Blicke.
Stille.
Lange Einstellungen.
All das, was Kino besser kann als jedes andere Medium.
Nolan scheint seinem Publikum nicht mehr zuzutrauen, eine Geschichte über Bilder zu verstehen.
Oder er hat sich in Homer verloren, oder daran überhoben. Ich weiss es nicht.
Fast wirkt es, als müsste jede Emotion abgesichert, jeder Gedanke ausgesprochen und jede Wendung kommentiert werden.
Dabei lebt die Odyssee doch gerade vom Gegenteil. Vom Staunen, Zweifeln, von der Sehnsucht, von der Angst, von der Versuchung.
Zwischendurch fühlte sich der Film für mich immer wieder wie eine Geisterbahn an.
Die Musik kündigt an, dass jetzt etwas Schreckliches passiert.
Dann springt das Schreckliche aus der Dunkelheit.
Dann fährt der Wagen weiter zur nächsten Station.
Und irgendwann war mir fast egal, ob Odysseus jemals wieder nach Hause kommt.
Das ist wahrscheinlich der härteste Satz, den ich über diesen Film schreiben kann.
Denn wenn einem das Schicksal des berühmtesten Heimkehrers der Literaturgeschichte gleichgültig wird, dann liegt das nicht an Homer.
Vor fast 3.000 Jahren schrieb Homer eine Geschichte, die Menschen bis heute berührt.
2026 verfilmt einer der größten Regisseure unserer Zeit genau diese Geschichte.
Perfekt fotografiert. Perfekt inszeniert. Perfekt konstruiert.
Und ich verlasse nach drei Stunden das Kino, ohne einen dieser Menschen wirklich kennengelernt zu haben.
Der Unterschied zwischen großem Handwerk und großer Erzählkunst.
Großes Handwerk beeindruckt. Große Erzählkunst erreicht das Herz.
Nach dem Kino habe ich noch mit meinem Sohn telefoniert.
Er geht erst am Donnerstag in den Film.
Er meinte nur: „Vielleicht ist Homer heute einfach nicht mehr zeitgemäß.“
Ich weiß es nicht. Ich bin gespannt, was er nach dem Film erzählt.
Vielleicht sieht seine Generation etwas, was ich übersehen habe. Vielleicht bestätigt sie mich. Und vielleicht liegt genau dort die eigentliche Frage.
Hat Christopher Nolan Homer nicht verstanden? Oder habe ich Nolan nicht verstanden?
Oder haben wir verlernt, den Geschichten zu vertrauen, die seit fast 3.000 Jahren die Herzen der Menschen erreichen?
Juliane Becker

