Die Schule gehört dem Kind
Die Regeln meines Elternhauses sind nicht die Regeln der Welt
Morgen stellt Berlin vor, welche Konsequenzen die Hauptstadt aus ihrem neuen Konflikt- und Gewaltbarometer an Schulen zieht. Es geht um religiöse Konflikte, sozialen Druck und darum, wann Schule eingreifen muss.
Ich habe beim Lesen dieser Zahlen aber an etwas anderes gedacht.
An das, was jeden Morgen passiert, wenn Kinder durch eine Schultür gehen.
Sie kommen aus völlig unterschiedlichen Welten.
Aus Familien, in denen morgens gebetet wird, und aus Familien, in denen Religion überhaupt keine Rolle spielt. Aus Elternhäusern mit sehr klaren Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist, wie Mädchen und Jungen sich verhalten sollen, was man isst, was man glaubt, wen man liebt.
Und dann sitzen sie plötzlich nebeneinander.
Genau das ist Schule.
Für viele Kinder ist sie der erste Ort, an dem sie wirklich erfahren: Die Regeln meines Elternhauses sind nicht die Regeln der Welt.
Ich finde diesen Gedanken ungeheuer wichtig.
Denn in der Schule trifft das Kind nicht nur auf Bruchrechnung, Goethe und die Evolutionstheorie. Es trifft auf andere Lebensentwürfe, andere Überzeugungen, andere Religionen. Und auf etwas, das über all diesen Unterschieden steht: eine gemeinsame Rechtsordnung.
Hier hat ein Mädchen dieselben Rechte wie ein Junge. Eine Lehrerin dieselbe Autorität wie ein Lehrer. Der muslimische Schüler darf fasten und sein Banknachbar sein Käsebrot essen. Ein Mädchen darf Kopftuch tragen und ein anderes keines. Einer darf an Gott glauben und der andere an gar nichts.
Keiner muss die Entscheidung des anderen gut finden.
Aber er muss lernen, sie auszuhalten.
Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen, die Schule überhaupt vermitteln kann.
Dass das keineswegs selbstverständlich ist, zeigen die Konflikte, die gerade sichtbar werden. In Berlin berichten Schüler von Mitschülern, die anderen Vorschriften über Kleidung, Essen oder Beten machen. Jugendliche erleben Druck, weil sie im Ramadan nicht fasten oder religiöse Regeln weniger streng leben.
Gleichzeitig wird darüber gestritten, wie weit Schulen sichtbares Beten einschränken dürfen.
Auf den ersten Blick sind das völlig unterschiedliche Konflikte.
Für mich haben sie denselben Kern:
Wessen Freiheit schützen wir eigentlich?
Religionsfreiheit bedeutet selbstverständlich, dass ein religiöses Kind seinen Glauben leben darf.
Aber eben nicht nur das.
Sie bedeutet genauso, dass das muslimische Kind am Tisch daneben weniger religiös leben darf. Dass ein anderes Kind seine Religion verlassen darf. Und dass ein drittes sagen darf: Mit Religion kann ich überhaupt nichts anfangen.
Religionsfreiheit schützt nicht nur Religion.
Sie schützt den Menschen.
Im März dieses Jahres beschäftigte sich das Oberlandesgericht Karlsruhe mit Eltern, die ihre Kinder aus religiösen Gründen nicht regulär zur Schule schickten. Das Gericht formulierte dabei einen Satz, an dem ich hängen geblieben bin: Schule ermögliche Kindern auch die „Teilhabe an einem sozialen Leben außerhalb der eigenen Religionsgemeinde“.
Genau das.
Ein Kind ist das Kind seiner Eltern. Natürlich. Familie prägt uns, gibt uns Halt, Werte, Überzeugungen, manchmal einen Glauben mit auf den Weg.
Aber ein Kind ist eben auch mehr.
Es ist nicht nur Teil einer Familie, einer Religion, einer Herkunft oder eines Milieus.
Es ist ein eigener Mensch.
Und irgendwann soll dieser Mensch selbst entscheiden können, was er von all dem behalten möchte.
Was er glaubt.
Wie er leben möchte.
Wen er liebt.
Was er vielleicht ganz anders machen will als seine Eltern.
Dafür muss er wissen, dass es überhaupt andere Möglichkeiten gibt.
Und genau deshalb ist Schule so wichtig.
Nicht, weil sie Kindern die Werte ihrer Eltern ausreden soll, sondern weil sie ihnen die Welt zeigen muss.
Eine Welt, in der Menschen anders glauben, anders leben, anders lieben und anders denken.
Eine Welt, in der wir diese Unterschiede nicht dadurch lösen, dass einer dem anderen seine Regeln aufzwingt.
Deshalb funktioniert dieser Gedanke auch in beide Richtungen.
Eine Schule, die einem Kind verbietet, seinen Glauben sichtbar zu leben, muss sich genauso rechtfertigen wie eine Schule, die wegschaut, wenn Kinder andere Kinder unter religiösen Druck setzen.
Der Staat hat nicht die Aufgabe, Kinder von Religion zu befreien.
Er hat die Aufgabe, ihre Freiheit zu schützen.
Und vielleicht lässt sich genau daran messen, ob Schule diesen Auftrag erfüllt: Kann ein Kind dort seinen Glauben leben, ohne ihn anderen aufzudrängen? Und kann ein anderes Kind sich davon abwenden, ohne unter Druck zu geraten?
Beides muss möglich sein.
Denn Freiheit bedeutet nicht, dass alle gleich leben.
Freiheit zeigt sich gerade darin, dass wir Unterschiedlichkeit aushalten, auch dann, wenn sie unseren eigenen Überzeugungen widerspricht.
Morgen wird Berlin erklären, welche Konsequenzen es aus den Konflikten an seinen Schulen zieht. Ich bin gespannt darauf.
Aber unabhängig davon wünsche ich mir, dass wir über diese Aufgabe von Schule viel öfter sprechen.
Wir diskutieren über Lehrpläne, Unterrichtsausfall, Digitalisierung, Bildungsstandards und darüber, welches Wissen Kinder brauchen.
Alles wichtig.
Aber vielleicht geschieht jeden Morgen noch etwas anderes, wenn ein Kind durch eine Schultür geht.
Es verlässt für ein paar Stunden die Welt seines Elternhauses und begegnet der gemeinsamen Welt.
Und dort sollte es etwas erfahren, das es vielleicht sein ganzes Leben lang braucht:
Hier gelten Regeln, die für uns alle gelten.
Und noch wichtiger:
Diese Regeln gelten nicht nur für dich. Sie schützen auch dich.

