Die Frau im Spiegel.
Ich war unlängst auf einem 50. Geburtstag.
Ein großes Fest, mit viel Aufwand. Viele Gäste, langjährige Wegbegleiter, später wurde getanzt. Alles war schön, ein bisschen instagrammable, aber nicht künstlich.
Irgendwann fiel dieser Satz:
„In unserem Alter ist das doch egal.“
Es ging ums Aussehen. Von Frauen, den Anwesenden wie allen Frauen.
Ich habe zunächst gar nicht groß darüber nachgedacht. Man kennt solche Sätze. Wir sind schließlich keine 20 mehr. Auch keine 30. Nicht mal 40. Schade eigentlich, aber was soll man machen.
Später dachte ich: Moment mal. Warum genau soll mir in meinem Alter mein Aussehen egal sein?
Was mich an dem Satz stört, ist gar nicht das „egal“.
Es ist das „in unserem Alter“.
Als gäbe es einen Zeitpunkt, an dem Frauen bestimmte Dinge hinter sich gelassen haben. Kurze Röcke vermutlich irgendwann. Lange Haare, je nach Ratgeber ebenfalls. Eitelkeit sowieso.
Und irgendwann offenbar auch das Interesse daran, wie man aussieht.
Das kann Gelassenheit sein.
Es kann aber auch ein sehr leises Aufgeben sein.
Vielleicht liegt genau darin eines der Missverständnisse über das Älterwerden: dass Freiheit daraus entstehen müsse, dass einem immer mehr egal wird.
Ich glaube, sie entsteht eher dadurch, dass man besser unterscheiden kann.
Was ist mir wirklich egal geworden?
Und was möchte ich mir nicht von anderen für erledigt erklären lassen?
Für ihr Alter.
Irgendwann verändert sich die Sprache.
Eine junge Frau sieht gut aus.
Eine ältere Frau sieht gut aus für ihr Alter.
Sie hat sich „gut gehalten“.
Auch schön.
Als wäre man ein Ledersofa, das trotz intensiver Nutzung erstaunlich wenig Patina angesetzt hat.
Und dann gibt es „junge Dame“.
Bei „junge Dame“ endet meine Altersgelassenheit ziemlich abrupt. Wer eine Frau Mitte 50 so nennt, verdient eigentlich eine Backpfeife.
Und das sage ich als jemand, der körperliche Gewalt wirklich nicht schätzt.
Ich brauche keine Jugend aus Höflichkeit. Vor allem möchte ich nicht sprachlich über den Kopf gestreichelt werden, weil ich inzwischen ein Alter erreicht habe, in dem „jung“ offenbar als Kompliment verstanden werden soll. Oder als Witz.
Ich will überhaupt nicht so tun, als wäre ich jünger.
Natürlich sehe ich anders aus als mit 30. Alles andere wäre biologisch einigermaßen sensationell.
Das Merkwürdige ist etwas anderes: In dem Moment, in dem viele Frauen unabhängiger davon werden, wie andere sie sehen, wird der Blick von außen stärker vom Alter bestimmt.
Plötzlich ist man nicht einfach attraktiv. Man ist attraktiv für sein Alter.
Nicht einfach gut angezogen. Sondern erstaunlich modern.
Nicht einfach eine Frau. Sondern eine Frau, bei der die Zahl zunehmend mitgedacht wird.
Ein merkwürdiger Tausch: Man braucht den fremden Blick immer weniger und bekommt dafür immer mehr davon in einer Form, um die man gar nicht gebeten hat.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich heute anders über Schönheit denke als früher.
Ich möchte gut aussehen. Aber ich möchte immer weniger für jemanden gut aussehen.
Das ist ein Unterschied.
Wir schauen nie allein in den Spiegel.
Ganz los wird man den fremden Blick ohnehin nicht.
Denn wir schauen nie allein in den Spiegel.
Da stehen immer ein paar Leute mit uns davor.
Die Freundin, die dünner war. Der Mann, der irgendwann einen blöden Satz über unsere Beine gesagt hat. Die Mutter mit einer Bemerkung, die sie selbst längst vergessen hat. Früher die Frauen in Zeitschriften, heute Instagram und ein Algorithmus, der weiß, welches Gesicht und welcher Körper gerade als erstrebenswert gelten.
Und wir bringen unsere eigene Vergangenheit mit.
Die Frau mit 30 steht ebenfalls vor meinem Spiegel.
Das ist vielleicht die unfairste Konkurrentin von allen. Denn sie wird nicht älter. Sie schläft immer ausreichend, hat nie einen schlechten Tag und wird mit jedem Jahr, das vergeht, in meiner Erinnerung ein bisschen schöner.
Mit Mitte 50 kommen dann noch ein paar neue Stimmen dazu.
„Gut gehalten.“
„Für ihr Alter.“
„In unserem Alter ist das doch egal.“
Der Spiegel ist ziemlich voll.
Vielleicht ist das Angenehme am Älterwerden, dass die anderen irgendwann ein bisschen weiter hinten stehen.
Sie verschwinden nicht. Aber man hört sie nicht mehr so gut.
Schön genug. Nur leider zum falschen Zeitpunkt
Das wird mir besonders bewusst, wenn ich jüngere Frauen sehe.
Meine Tochter und ihre Freundinnen. Meine Schülerinnen. Junge Frauen, die ich oft unglaublich schön finde.
Und dann höre ich ihnen zu.
Die Nase. Die Haut. Der Bauch. Die Haare. Die Beine. Hier zu viel, dort zu wenig, irgendetwas stimmt immer nicht.
Man möchte sie manchmal schütteln und sagen: Schaut euch doch an. Ihr seid wunderschön.
Aber vermutlich hätte man uns in diesem Alter dasselbe sagen können.
Wenn ich heute Fotos von mir mit 30 anschaue, denke ich manchmal: Mein Gott, ein Baby. Ein süßes Baby. Ganz hübsch.
Damals hätte ich ziemlich sicher aufzählen können, was an mir nicht stimmte.
Heute sehe ich das Foto und denke: Was hatte die eigentlich?
Vielleicht ist das eine der absurden Seiten unseres Verhältnisses zum eigenen Aussehen: Wir erkennen unsere Schönheit durchaus.
Nur häufig mit zwanzig Jahren Verspätung.
Mit 30 müssten drei Kilo weg.
Mit 50 sehen wir das Foto und fragen uns, warum wir nicht einfach glücklich darüber waren, so auszusehen.
Und vermutlich schaue ich mit 75 auf ein Foto von mir heute und denke: Verdammt, sah ich mit Ende 50 gut aus.
Ich würde diesen Fehler nur ungern zweimal machen.
Denn wann genau ist eigentlich das richtige Alter für eine Frau, sich gut zu finden?
Mit 20 ist sie nicht perfekt genug.
Mit 30 vergleicht sie sich.
Mit 50 soll ihr Aussehen langsam egal werden.
Und später heißt es bewundernd, sie sehe noch gut aus.
Das Zeitfenster scheint klein zu sein.
Vielleicht müsste man deshalb etwas lernen, was schwer ist: den eigenen gegenwärtigen Körper nicht immer schon aus der Zukunft zu betrachten.
Nicht erst die Frau von gestern schön finden.
Auch einmal die von heute.
Was man tatsächlich hinter sich lassen darf.
Heute Morgen habe ich einen Artikel über das „Mysterium der Damenhandtasche“ gelesen.
Der Autor erzählte, wie er sich in einem Lokal bekleckerte und seine Begleiterin selbstverständlich irgendein Fleckenmittel aus ihrer Tasche zauberte. Dazu die üblichen Wunder, die sich angeblich in Damenhandtaschen befinden: Feuchttücher, Pflaster, Medikamente, Mützen, Schals, eine halbe Hausapotheke.
Unter dem Artikel viele begeisterte Kommentare. Von Männern wie Frauen.
Ich fand ihn schrecklich.
Das war für mich kein liebevoller Text über das Mysterium der Damenhandtasche.
Das war „Mutti ist die Beste“ in Handtaschenform.
Die Frau, die an alles denkt. Die vorsorgt. Die vorbereitet ist, falls jemand friert, sich verletzt, bekleckert oder sonst irgendein Problem hat. Allzeit bereit.
In meiner Handtasche ist das alles jedenfalls nicht.
Da ist eine Kreditkarte.
Damit kann ich kaufen, was ich brauche, wenn ich es brauche.
Ich bin nicht Florence Nightingale.
Vielleicht fällt mir so etwas heute auch deshalb stärker auf, weil mit dem Älterwerden nicht nur bestimmte Urteile unwichtiger werden.
Es liegen auch Rollenerwartungen hinter einem, die man lange kaum als solche bemerkt hat.
Frauen meiner Generation haben einen erheblichen Teil ihres Lebens damit verbracht, für andere mitzudenken. Kinder, Partner, Eltern, Familie. Wer braucht was? Wer hat Hunger? Wem ist kalt? Haben wir Pflaster dabei?
Manches davon macht man aus Liebe.
Manches gern.
Und manches, weil Frauen sehr lange gelernt haben, dass sich Kümmern wie von selbst in ihrem Zuständigkeitsbereich befindet.
Und irgendwann verändert sich auch das.
Die Kinder werden groß.
Man hat beruflich nicht mehr bei jeder Gelegenheit das Gefühl, beweisen zu müssen, dass man überhaupt etwas kann.
Manche Menschen, um die man sich gekümmert hat, brauchen einen weniger.
Andere sind irgendwann nicht mehr da.
Das schafft etwas, das früher knapp war: Raum.
Und der Raum ist nicht nur angenehm.
Denn wenn nicht mehr ständig jemand etwas von einem braucht, stellt sich plötzlich eine Frage, für die vorher oft wenig Zeit war:
Was will eigentlich ich?
Vielleicht ist das eine der größeren Veränderungen des Älterwerdens, dass man zum ersten Mal seit langer Zeit wieder genauer hört, was man will.
Ich habe gar nichts dagegen, Dinge hinter mir zu lassen.
Im Gegenteil.
Ich möchte nur selbst entscheiden, welche.
Silvester zum Beispiel.
Das eigentliche Leben kann auch ohne mich stattfinden
Ungefähr die Hälfte meines Lebens war ich spätestens ab November mit der Frage beschäftigt: Was mache ich an Silvester? Was machen wir? Wo gehen wir hin? Mit wem?
Dabei fand ich Silvester eigentlich immer anstrengend.
Ich bin ein Nachtmensch, aber keiner, der glaubt, um Mitternacht neu geboren zu werden. Trotzdem musste dieser Abend besonders sein. Zu Hause bleiben? Früh ins Bett gehen? An Silvester?
Heute mache ich das mit Vergnügen.
Auch FOMO habe ich kaum noch – diese Angst, etwas zu verpassen, weil irgendwo gerade das eigentliche Leben stattfinden könnte, während man selbst nicht dabei ist.
Früher kannte ich das ziemlich gut.
Heute kann das eigentliche Leben gelegentlich ohne mich stattfinden.
Ich finde das ausgesprochen angenehm.
Vielleicht ist das eine der großen Freiheiten des Älterwerdens: Man muss nicht mehr jede Erwartung erfüllen.
Nicht die, wie man Silvester verbringt.
Nicht die, was eine Frau in ihrer Handtasche für alle Eventualitäten bereitzuhalten hat.
Nicht die, dass man überall dabei sein muss.
Weil man irgendwann merkt, dass man es nie so wichtig fand, wie man glaubte.
Und dann lese ich Zeitung.
2055
Es kann ein völlig harmloser Artikel sein.
Über die Bahn. Klimaziele. Renten. Irgendein Bauprojekt.
Und dann steht da:
„Bis zum Jahr 2055 soll …“
Mein Kopf beginnt sofort zu rechnen, obwohl ich ihn ausdrücklich nicht darum gebeten habe.
Wie alt bin ich dann? Bin ich dann überhaupt noch?
Manchmal erwische ich den Gedanken rechtzeitig und schiebe ihn weg. Manchmal ist die Rechnung schneller.
Mit 30 war 2055 einfach Zukunft.
Heute ist 2055 eine Rechenaufgabe.
Das gefällt mir nicht.
Die Zeit macht weniger Druck im Kleinen und mehr im Großen.
Ich habe kaum noch Angst, einen Abend zu verpassen.
Gleichzeitig weiß ich heute besser, dass die Zahl der Abende nicht unbegrenzt ist.
Das eine ist befreiend.
Das andere ist beunruhigend.
Und irgendwann merkt man, dass nicht nur man selbst älter geworden ist.
Die Kinder, die eben noch Kinder waren, sind Erwachsene.
Die eigenen Eltern sind alt geworden oder nicht mehr da.
Menschen, die früher selbstverständlich die Erwachsenen waren, verschwinden nach und nach.
Und irgendwann fällt einem auf: Jetzt sind wir das.
Vielleicht gehört auch das zum Älterwerden.
Man bekommt nicht nur Falten und graue Haare.
Man rückt unmerklich an eine andere Stelle in der Welt.
Mit 30 wusste ich natürlich auch, dass das Leben endlich ist.
Nur hatte dieses Wissen kaum etwas mit mir zu tun.
Zukunft war damals vor allem Möglichkeit.
Man konnte noch dies machen oder jenes.
Noch einmal umziehen.
Einen anderen Beruf anfangen.
Einen anderen Menschen lieben.
Irgendwann. Später.
Mit dem Älterwerden verändert sich dieses „später“.
Es verschwindet nicht, aber es ist nicht mehr unendlich.
Und vielleicht liegt darin – neben aller Zumutung – auch etwas Klärendes.
Wenn man nicht mehr jedes denkbare Leben führen kann, wird die Frage wichtiger, welches man tatsächlich führen möchte.
Wenn Zeit nicht mehr selbstverständlich erscheint, wird es merkwürdig, sie damit zu verbringen, Dinge zu wollen, die andere für wichtig halten.
Vielleicht ist das eines der Paradoxa des Älterwerdens: Man wird freier im Umgang mit seiner Zeit, während einem gleichzeitig bewusster wird, dass sie endlich ist.
Und vielleicht entsteht gerade daraus eine Freiheit, die man mit 30 noch gar nicht brauchte.
Die Freiheit, Dinge für beendet zu erklären.
Und die Freiheit, andere ausdrücklich nicht für beendet zu erklären.
Je weniger Lebenszeit selbstverständlich vor einem liegt, desto weniger Grund gibt es, sich von anderen vorschreiben zu lassen, welche Teile des Lebens man bereits hinter sich haben sollte.
Die Frau im Spiegel.
Und damit bin ich wieder bei diesem Geburtstag.
„In unserem Alter ist das doch egal.“
Nein.
Mein Aussehen ist mir nicht egal. Warum auch?
Ich ziehe mich gern schön an. Ich mag schöne Dinge. Und ich möchte in den Spiegel schauen und mögen, was ich sehe.
Das gelingt nicht immer.
Es bedarf durchaus des Aufbaus. Die Schwerkraft arbeitet schließlich zuverlässig.
Aber ich will auch nicht mehr zwanzig Jahre warten, um festzustellen, dass ich heute eigentlich ganz gut aussah.
Vielleicht ist das überhaupt der Punkt.
Wir reden viel darüber, was man mit dem Alter gewinnt und was man verliert.
Dabei würde mir fürs Erste etwas anderes reichen:
die Gegenwart nicht immer erst im Rückblick zu mögen.
Die Frau im Spiegel wird früh genug die Frau auf einem alten Foto sein.
Heute ist sie da.
Nicht schlecht. Trotz Schwerkraft.
Text: Juliane Becker

