Mit 18 unterschreiben sie Mietverträge, nehmen Kredite auf, wählen einen Bundestag und sollen entscheiden, welche politische Behauptung sie für wahr halten.
Drei Jahre vorher zeigt PISA: Rund ein Drittel von ihnen erreicht beim Lesen und in Mathematik nicht einmal das grundlegende Kompetenzniveau.
Das passt nicht zusammen.
Und ich will diesmal nicht wieder hören, warum.
Die neue PISA-Studie ist da. Deutschland ist wieder schlechter geworden. Historischer Tiefstand. Wieder einmal.
Seit 25 Jahren vermessen wir unseren Bildungsabstieg, diskutieren Ursachen, starten Programme, reformieren und evaluieren.
Es reicht.
PISA ist kein Befund mehr. PISA ist ein Befehl an die Politik: Ändert das. Jetzt.
Für mich ist die Erkenntnis nicht neu.
Ich brauche keine PISA-Studie, um zu wissen, was in deutschen Klassenzimmern passiert. Ich sehe es jeden Tag.
Und nur zur Erinnerung: Ich unterrichte Oberstufe.
- Ich sehe Schüler, die nicht erst an Goethes Faust scheitern, sondern an einem Zeitungsartikel von Ulf Poschardt.
- Schüler, die nicht an der Matrizenrechnung scheitern, sondern am Dreisatz.
- Schüler, die keinen funktional richtigen deutschen Satz schreiben können – und einen funktional richtigen Satz, den jemand anderes geschrieben hat, nicht zuverlässig verstehen.
Das sind keine dummen jungen Menschen.
Das sind junge Menschen, denen wir etwas nicht beigebracht haben.
Und genau dieser Unterschied ist entscheidend.
Hinter „Kompetenzniveau 2 nicht erreicht“ stehen keine Prozentzahlen. Da sitzen Jugendliche vor mir.
Also übersetzen wir PISA einmal ins Leben.
- Sie können lesen. Aber ein Text wird schwierig, wenn die entscheidende Information nicht einfach dasteht.
- Sie können rechnen. Aber eine Aufgabe wird schwierig, wenn sie erst selbst erkennen müssen, was überhaupt gerechnet werden muss.
- Informationen gegeneinander abwägen. Einen Widerspruch erkennen. Aus Zahlen eine Schlussfolgerung ziehen.
Da wird es schwierig.
Im Leben heißt das: Unterschreib hier. Handyvertrag. Versicherung. Mietvertrag. Ratenkredit.
Oder der Behördenbrief. Zwei Seiten, eine Frist, drei Voraussetzungen und der freundliche Hinweis auf mögliche Rechtsfolgen.
Steht alles da.
Du musst es nur verstehen.
Das kannst du aber nicht zuverlässig, weil es dir niemand ausreichend beigebracht hat.
Und jetzt können wir wieder anfangen, Schuldige zu suchen.
TikTok. Social Media. Smartphones. Corona. Migration. Das Elternhaus. Der Algorithmus.
Nein.
Natürlich beeinflusst all das, mit welchen Voraussetzungen ein Kind morgens durch die Schultür kommt.
- Aber dann kommt es durch diese Tür.
- Und ab da ist es unsere Aufgabe.
- Schule ist nicht dafür da, gute Voraussetzungen zu verwalten. Sie ist gerade für diejenigen da, die sie nicht mitbringen.
- Das ist keine freundliche Zusatzleistung.
- Das ist ihr Job.
Und wenn am Ende ein Drittel unserer 15-Jährigen das grundlegende Kompetenzniveau beim Lesen und in Mathematik nicht erreicht, dann haben nicht nur diese Kinder ein Problem.
Dann haben wir unseren Job nicht gemacht.
Darüber sollten wir reden.
Nicht darüber, ob TikTok schuld ist, das Elternhaus oder der Algorithmus. Das mag alles eine Rolle spielen.
Aber ein Bildungssystem kann seine Verantwortung nicht davon abhängig machen, dass ihm die richtigen Kinder geliefert werden.
Lesen. Rechnen. Verstehen. Denken.
Nicht für die nächste Klassenarbeit. Für dein Leben. Für sein Leben. Für ihr Leben.
„Die Zahl hat sich verdoppelt.“
Von einem Fall auf zwei? Von einer Million auf zwei?
Wer den Unterschied nicht einordnen kann, muss glauben, was ihm jemand anderes darüber erzählt.
Dazwischen liegt Bildung.
Und während wir nicht einmal diese elementare Aufgabe zuverlässig erfüllen, packen wir immer mehr oben drauf.
Demokratiebildung. Medienbildung. Verbraucherbildung. Gesundheitsbildung. Berufsorientierung. Digitalisierung. KI-Kompetenz.
Alles wichtig.
Aber nichts davon funktioniert ohne das, was vorher kommen muss.
Wer Fake News erkennen soll, muss einen Text verstehen. Wer mit KI arbeiten soll, muss beurteilen können, ob ihre Antwort plausibel ist.
Das Neue setzt das Alte voraus.
Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt dürften in manchen Kultusministerien gerade die Köpfe heiß laufen.
Noch ein Demokratieprogramm? Noch mehr Medienkompetenz? Noch ein Projekt gegen Extremismus?
Nein.
Bringt erst einmal Lesen, Rechnen und Verstehen ans Laufen.
Nicht irgendwann.
Jetzt.
Was dafür nötig ist, wissen wir längst: weniger Stoff, mehr Tiefe, mehr Zeit für das, was sitzen muss.
Nicht zusätzlich.
Stattdessen.
Ich habe keine Lust, in drei Jahren die nächste PISA-Studie zu lesen und wieder dieselben klugen Erklärungen dafür zu hören, warum es noch immer nicht funktioniert.
Diese Kinder haben keine drei Jahre.
Sie sitzen heute in unseren Klassenzimmern.
Wir wissen, was ihnen fehlt. Wir wissen, wofür sie es brauchen. Und wir wissen, wer dafür zuständig ist.
Wir.
Also ändern wir es.
Denn mit 18 sagen wir zu ihnen:
Jetzt bist du erwachsen. Jetzt entscheidest du selbst.
Dann ist es unsere verdammte Pflicht, ihnen vorher beizubringen, wie das geht.
Text: Juliane Becker
Fotocredits: facebook

