Die Markthalle, 18 Parkplätze und die Frage, für wen wir unsere Stadt eigentlich planen.
Man sieht, das Thema lässt mich nicht los.
Vor der Stuttgarter Markthalle sollen 18 Parkplätze verschwinden.
Eigentlich keine Zahl, wegen der man eine große verkehrspolitische Debatte erwarten würde.
Trotzdem wird darüber debattiert, seitdem der Gemeinderat das Ende Juli beschlossen hat.
Für die einen ist jeder Parkplatz weniger ein Gewinn an Aufenthaltsqualität, für die anderen ist es der nächste Schritt auf dem Weg zu einer Innenstadt, in der Autofahrer immer weniger erwünscht sind.
Mich hat die Sache neugierig gemacht, vielleicht auch deshalb, weil ich selbst mit dem Auto in der Innenstadt wenig unterwegs bin.
In meiner Familie war das früher ziemlich eindeutig verteilt. Meine Mutter bewegte sich entweder als Beifahrerin im Auto meines Vaters oder mit der Straßenbahn durch Stuttgart. Selbst gefahren ist sie kaum, der Innenstadtverkehr war ihr schlicht zu anstrengend. Mein Vater dagegen hätte nicht tot über dem Zaun hängend freiwillig die Bahn genommen. Er fuhr stoisch Auto.
Ich selbst wohne so nah an der Innenstadt, dass ich fast alles zu Fuß erledige.
Zur Markthalle fahre ich allerdings tatsächlich mit dem Auto.
Dort kaufe ich schließlich keine Schuhe, sondern Lebensmittel, und die haben die unangenehme Eigenschaft, irgendwann ziemlich schwer zu werden.
Die Parkplätze direkt vor der Markthalle fand ich deshalb immer ausgesprochen praktisch.
Man fährt hin, kauft ein, trägt die Sachen zum Auto und fährt wieder weg.
Genau dafür sind solche Kurzzeitparkplätze eigentlich da.
Also wollte ich wissen, ob mein Eindruck stimmt, dass es solche Parkmöglichkeiten in Stuttgart immer weniger gibt.
Die Zahlen haben mich zunächst überrascht.
1977 gab es im Stadtbezirk Stuttgart-Mitte rund 30.200 Stellplätze, 1983 waren es bereits rund 37.500. Heute geht die Stadt von etwa 42.000 öffentlichen und privaten Stellplätzen aus.
Stuttgart-Mitte hat also heute nicht weniger Stellplätze als früher.
Nur sagt die Gesamtzahl wenig darüber aus, wo diese Plätze liegen und wie man sie nutzen kann.
Ein Stellplatz im Parkhaus ist etwas anderes als ein Kurzzeitparkplatz vor einem Geschäft.
Eben diese Parkplätze im Straßenraum werden aber weniger.
Dazu kommt der Preis.
Ab Oktober kostet eine Stunde Parken in der Innenstadt 6,40 Euro. Wer drei Stunden bleibt, ist fast 20 Euro los, ohne einen Cent in einem Geschäft, Café oder Restaurant ausgegeben zu haben.
An diesem Punkt fand ich die 18 Parkplätze vor der Markthalle schon weniger interessant als die Frage, die dahinter steht.
Zumal es längst nicht nur um diese 18 Parkplätze geht. Die Stadt will die Dorotheenstraße zwischen Schillerplatz und Karlsplatz grundlegend umgestalten.
Von den dort vorhandenen 37 Stellplätzen sollen nahezu alle verschwinden.
Geplant sind Bäume und Grünflächen, Sitzgelegenheiten, versickerungsfähige Flächen nach dem Schwammstadt-Prinzip und vor der Markthalle eine Fläche, die unterschiedlich genutzt werden kann. Ladezonen und Behindertenstellplätze soll es weiterhin geben.
Interessant ist auch, was das kostet.
Für die Umgestaltung waren 2023 zunächst 3,85 Millionen Euro eingestellt. Schon damals zeigte sich, dass das nicht reichen würde, und die Kostenschätzung stieg auf 5,647 Millionen Euro. Inzwischen liegt das Projekt bei rund 7,45 Millionen Euro.
Das ist viel Geld für einen vergleichsweise kleinen Teil der Innenstadt.
Man kann trotzdem zu dem Ergebnis kommen, dass es gut angelegt ist.
Aber bei 7,45 Millionen Euro darf man auch fragen, ob es das ist und welche Prioritäten eine Stadt setzt, deren finanzieller Spielraum gerade nicht größer wird.
Damit war ich endgültig bei der Frage, die mich inzwischen viel mehr interessiert als die einzelnen Parkplätze:
Was soll aus der Stuttgarter Innenstadt eigentlich werden?
Dass sie sich verändern muss, steht für mich außer Frage.
Mehr Grün, weniger Lärm, vernünftige Wege für Fußgänger und Radfahrer und Plätze, an denen man sich gerne aufhält, sind keine Ziele, gegen die ich etwas einzuwenden hätte.
Ich frage mich nur zunehmend, von wem wir ausgehen, wenn wir solche Veränderungen planen.
In Stuttgart leben mehr als 615.000 Menschen, fast jeder Zweite hat einen Migrationshintergrund, das Durchschnittsalter liegt bei gut 42 Jahren und ungefähr jeder fünfte Einwohner ist älter als 65.
Hinzu kommen an jedem Werktag rund 276.000 Einpendler. Das sind fast 177.000 mehr Menschen, als aus Stuttgart zur Arbeit hinauspendeln.
Schon diese Zahlen zeigen, wie wenig es den typischen Stuttgarter gibt.
Da ist die Familie mit zwei kleinen Kindern genauso wie die 75-Jährige, der Student, der Handwerker mit Werkzeug im Wagen, der Pflegedienst, der von Termin zu Termin fährt, der Berufspendler aus dem Umland und die Frau, die nach der Arbeit noch Lebensmittel für ihre Familie besorgt. Andere fahren selbstverständlich mit dem Fahrrad zur Arbeit oder erledigen ihre Einkäufe mit dem Lastenrad.
Das eine ist nicht vernünftiger oder moralisch wertvoller als das andere.
Es sind schlicht unterschiedliche Lebenswirklichkeiten.
Beim Lesen der verschiedenen Konzepte der Stadt bin ich trotzdem immer wieder über ein Menschenbild gestolpert, das offenbar besonders gut zur Stadt der Zukunft passt: gesund, mobil, mit relativ kurzen Wegen und möglichst zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Lastenrad unterwegs.
Natürlich steht nirgendwo, dass Stuttgart nur für solche Menschen geplant werden soll. Das wäre auch absurd.
Aber wenn man viele einzelne Entscheidungen nebeneinanderlegt, kann man schon auf diesen Gedanken kommen.
Parkplätze verschwinden, Straßen werden umgestaltet, Fahrradstraßen eingerichtet, Flächen neu möbliert, Superblocks geplant und weitere Bereiche dem Aufenthalt zugeschlagen.
Für jede dieser Maßnahmen gibt es Argumente. Auch für die Umgestaltung der Dorotheenstraße.
Nur würde ich gerne häufiger darüber reden, was sie in ihrer Summe bedeuten.
Stadtplanung findet vielleicht auf dem Reißbrett statt.
Am Ende muss jeder in dieser Stadt seinen Alltag bewältigen.
In Stuttgart kommt noch etwas hinzu.
Wir tun gelegentlich so, als sei das Auto irgendein Fremdkörper, der dieser Stadt irgendwann unglücklicherweise zugestoßen ist.
Dabei ist Stuttgart wie kaum eine andere deutsche Großstadt durch das Automobil geprägt worden. Daimler und Maybach arbeiteten hier, Porsche wurde hier gegründet, Bosch, Mercedes-Benz und die vielen Zulieferunternehmen haben nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Entwicklung und den Wohlstand der gesamten Region geprägt.
Nach dem Krieg wurde Stuttgart dann zur autogerechten Stadt umgebaut. Vieles davon würden wir heute ganz sicher nicht mehr so machen, und das alte Leitbild hat sich zu Recht erledigt.
Mich interessiert aber, was an seine Stelle treten soll.
Es kann kaum darum gehen, Stuttgart wieder zur autogerechten Stadt zu machen.
Aber eine moderne Stadt wird auch nicht dadurch besser, dass sie das frühere Leitbild einfach umdreht und nun versucht, das Auto möglichst vollständig aus ihrem Zentrum zu verdrängen.
Dafür sind die Menschen, die hier leben und arbeiten, zu verschieden.
Wer jung ist, mitten in der Stadt wohnt und körperlich fit ist, kann vieles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen.
Wunderbar.
Andere wohnen weiter draußen, bringen morgens ein Kind zur Kita, müssen beruflich mehrere Termine an unterschiedlichen Orten erreichen oder können schwere Einkäufe eben nicht ein paar hundert Meter vom Parkhaus nach Hause tragen.
Und ja, es gibt auch Menschen, die einfach lieber Auto fahren.
Mein Vater war so einer.
Ich sehe nicht, warum Stadtplanung die Aufgabe haben sollte, ihn zu erziehen.
Sie sollte dafür sorgen, dass eine Stadt funktioniert.
Eben das ist für mich inzwischen der interessante Punkt an diesen 18 Parkplätzen vor der Markthalle.
Über jeden einzelnen kann man streiten und vielleicht gibt es sogar gute Gründe, gerade diese Plätze abzuschaffen. Aber dann würde ich gerne wissen, wie das Gesamtbild aussieht.
Wo soll man künftig parken können?
Wie erreicht man Geschäfte, wenn man größere oder schwere Einkäufe macht?
Wie kommen ältere Menschen in die Innenstadt?
Wie halten wir sie für Menschen aus dem Umland attraktiv?
Welche Rolle sollen Autos noch spielen und wo sollen sie tatsächlich keinen Platz mehr haben?
Und wie verhindern wir, dass eine schönere Innenstadt am Ende eine Innenstadt wird, die für einen Teil der Menschen umständlicher zu erreichen ist?
Darüber würde ich gerne diskutieren.
Sehr viel lieber jedenfalls als darüber, ob 18 Parkplätze an sich gut oder böse sind.
Ich habe wegen dieser 18 Parkplätze angefangen zu recherchieren und bin bei einer viel größeren Frage gelandet:
Hat Stuttgart eigentlich eine Vorstellung davon, wie diese Stadt im Jahr 2040 für mehr als 615.000 Einwohner und Hunderttausende Menschen, die täglich hierherkommen, funktionieren soll?
Text: Juliane Becker

