Stuttgarts Handel unter Druck: Kaufkraft ist da – doch die Innenstadt verliert an Attraktivität
Die Region Stuttgart verfügt weiterhin über eine enorme Kaufkraft. Rund 24 Milliarden Euro stehen den Menschen im Großraum Stuttgart für Ausgaben zur Verfügung. Trotzdem landet ein immer kleinerer Teil dieses Geldes im stationären Einzelhandel. Die aktuelle Kaufkraftanalyse der IHK Region Stuttgart zeigt damit ein Problem, das längst auch im Alltag der Innenstädte sichtbar wird.
Für 2026 wird im stationären Einzelhandel der Region ein Umsatz von rund 19,2 Milliarden Euro erwartet. Auf den ersten Blick ist das eine beeindruckende Zahl. Doch die Zentralitätskennziffer von 91,8 macht deutlich, dass Stuttgart und die Region Kaufkraft verlieren – an andere Einkaufsstandorte und vor allem an den Onlinehandel.
Stuttgart hat Kaufkraft – aber die Innenstadt muss um Kunden kämpfen
Gerade in Stuttgart zeigt sich die Entwicklung besonders deutlich. Mit einem Kaufkraftvolumen von rund 5,3 Milliarden Euro verfügt die Landeshauptstadt über einen enormen wirtschaftlichen Hebel. Gleichzeitig wird es für den stationären Handel zunehmend schwieriger, Menschen tatsächlich zum Einkauf in die Innenstadt zu bewegen.
Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um die Konkurrenz durch Amazon, Zalando & Co. Auch die Rahmenbedingungen vor Ort spielen eine Rolle.
Wer mit dem Auto in die Innenstadt möchte, sieht sich mit hohen Parkgebühren, begrenzten Parkmöglichkeiten und einer zunehmend schwierigen Parkplatzsuche konfrontiert. Für einen kurzen Einkaufsbummel kann das Parken schnell zu einem zusätzlichen Kostenfaktor werden. Wer zudem mehrere Geschäfte besuchen, etwas essen oder einen längeren Aufenthalt einplanen möchte, muss die Parkkosten mit einkalkulieren.
Das kann die Entscheidung beeinflussen: Online einkaufen ist bequem, jederzeit möglich und wird direkt nach Hause geliefert. Der stationäre Handel muss dagegen einen zusätzlichen Grund liefern, warum sich der Weg in die Innenstadt lohnt.
Nicht nur die Geschäfte müssen attraktiver werden
Die IHK sieht deshalb die Zukunft der Innenstädte nicht allein im klassischen Einzelhandel. Gefragt sind lebendige Zentren mit Gastronomie, Veranstaltungen, Kultur, Freizeitangeboten und einer hohen Aufenthaltsqualität.
Genau hier liegt eine der großen Herausforderungen für Stuttgart. Wenn Geschäfte schließen, Leerstände entstehen und gleichzeitig die Erreichbarkeit schwieriger oder teurer wird, entsteht schnell ein Kreislauf: Weniger Besucher bedeuten weniger Umsatz, weniger Umsatz gefährdet Geschäfte – und weniger Geschäfte wiederum reduzieren die Attraktivität der Innenstadt.
Eine Innenstadt kann sich deshalb nicht allein darauf verlassen, dass die Menschen weiterhin zum Einkaufen kommen.
Sindelfingen und Ludwigsburg zeigen, dass es funktionieren kann
Wie unterschiedlich die Situation innerhalb der Region ist, zeigen die Zahlen. Sindelfingen erreicht bei der Einzelhandelszentralität einen Wert von 172,5, Ludwigsburg kommt auf 153,4 und Göppingen auf 151,6. Diese Städte ziehen damit deutlich mehr Kaufkraft von außerhalb an.
Stuttgart verfügt zwar über das mit Abstand größte Kaufkraftvolumen der Region, muss aber gleichzeitig darum kämpfen, diese Kaufkraft auch tatsächlich in der Innenstadt zu halten.
Besonders problematisch ist die langfristige Entwicklung. Seit 2016 hat sich die Kaufkraft in der Region Stuttgart schwächer entwickelt als im Bundesdurchschnitt. Auch bei Einzelhandelsumsätzen und Zentralität zeigen sich in mehreren Städten deutliche Rückgänge.
Die Innenstadt braucht ein Gesamtpaket
Die Diskussion über die Zukunft des Handels darf deshalb nicht bei den Händlern enden. Wer Innenstädte beleben möchte, muss das gesamte Umfeld betrachten: Erreichbarkeit, Parkmöglichkeiten, Preise, öffentlichen Nahverkehr, Gastronomie, Veranstaltungen, Sicherheit, Aufenthaltsqualität und attraktive Angebote.
Gerade beim Thema Parken braucht es aus Sicht vieler Innenstadtbesucher eine ausgewogene Lösung. Hohe Parkgebühren und ein knappes Stellplatzangebot können den stationären Handel zusätzlich unter Druck setzen. Gleichzeitig reicht es nicht aus, lediglich Parkplätze bereitzustellen. Entscheidend ist, was Besucher in der Innenstadt erwartet.
Stuttgart muss sich deshalb fragen, warum Menschen künftig noch in die City kommen sollen, wenn sie online bequemer und häufig günstiger einkaufen können.
Die Antwort könnte in einer Innenstadt liegen, die mehr bietet als Shopping: Erlebnis, Begegnung, Gastronomie, Kultur und Veranstaltungen. Eine Innenstadt, in der sich ein Besuch auch dann lohnt, wenn man nicht mit einer Einkaufstüte nach Hause geht.
Die Kaufkraft ist vorhanden. Die entscheidende Frage ist, ob es Stuttgart gelingt, diese Kaufkraft wieder stärker in die eigene Innenstadt zu holen.
Stuttgart Inside meint: Die Zahlen der IHK sind ein Warnsignal. Wer mehr Menschen in die Innenstadt bringen möchte, muss ihnen den Aufenthalt möglichst attraktiv, unkompliziert und bezahlbar machen. Dazu gehört auch ein ehrlicher Blick auf die Park- und Erreichbarkeitssituation. Denn wenn der Innenstadtbesuch bereits bei der Parkplatzsuche zum Ärgernis wird, hat der stationäre Handel gegenüber dem Onlinehandel einen weiteren Nachteil.
Text: M.C. Alten-Siegl /IHK Stuttgart
Fotocredits: Stuttgart Inside Archiv

