Sommerfest der Freien Liberalen in Stuttgart: Statement von Sean Braun von Stumm
Sean Braun von Stumm ist Unternehmer und Gründer eines Start-ups in Karlsruhe. Beim Sommerfest der Freien Liberalen in Stuttgart hielt er in seiner Funktion ein Statement zum Zustand unserer Gesellschaft. Im Mittelpunkt standen die Herausforderungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die Botschaft, Politik dürfe nicht nur in den Kategorien „rechts“ oder „links“ gedacht werden.
Zudem kündigte Sean Braun von Stumm an, im September 2026 für das Amt des stellvertretenden Landesvorsitzenden der Freien Liberalen kandidieren zu wollen
"Meine Damen und Herren, liebe Freunde der Freiheit,
zuallererst freue ich mich, dass wir heute Abend hier zusammensitzen. Ein gemütliches Sommerfest ist am
Ende der beste Beweis dafür, dass diese Partei nach wie vor lebt.
Aber obwohl ich ein bekennender Optimist bin, zwingt mich die innenpolitische Lage in unserem Land heute
nicht zu blindem Sommerfest-Optimismus, sondern zu einer ehrlichen und realistischen Lagebeschreibung
unserer aktuellen Situation.
Denn während wir hier gesellig zusammenkommen, ist unsere Gesellschaft da draußen gleichzeitig
fragmentierter als je zuvor:
Links gegen rechts.
Die einen für mehr Staat, die anderen für weniger Staat.
Und wie wir zuletzt beim Rentenpaket gesehen haben: oft auch Jung gegen Alt.
Das ist nur ein Ausschnitt von Gräben, die sich wie ein Netz durch unsere Gesellschaft ziehen.
Aber warum sage ich das heute?
Weil wir nicht nur Teil einer Partei sind, die sich dem Ideal der Freiheit verschrieben hat, sondern vor allem
einer Partei, deren Werte auf dem Grundprinzip der Demokratie beruhen. Und eine Demokratie lebt zwar
von unterschiedlichen Meinungen, sie ist aber gleichzeitig auf eines zwingend angewiesen: auf einen
tragfähigen Konsens.
Wenn dieser Konsens nicht mehr möglich ist, entsteht Stillstand. Aber eine Demokratie, die sich selbst
blockiert, erzeugt Unzufriedenheit. Und Unzufriedenheit schlägt früher oder später in Extreme um. Und
Extreme werden auf kurz oder lang zum Systemrisiko.
Genau deshalb habe ich mir im letzten Jahr immer wieder dieselbe Frage gestellt: Wie schaffen wir es als
FDP, eine so gespaltene Gesellschaft wieder zusammenzuführen? Einer Gesellschaft nicht nur zu sagen,
wieso es sich lohnt, an freiheitlichen Prinzipien festzuhalten, sondern es ihr zu zeigen.
Der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard, hat einmal gesagt:
Die Wirtschaft ist nicht alles. Aber ohne die Wirtschaft ist alles nichts.
Dieses Zitat beschreibt unsere Lage mehr als treffend, nämlich, dass neben unserem bröckelnden
Wertegerüst die Wirtschaft eines der letzten großen verbindenden Element unserer Gesellschaft ist.
Wirtschaft sorgt dafür, dass Menschen Arbeit haben. Wirtschaft sorgt dafür, dass Familien ein Dach über
dem Kopf haben. Und Wirtschaft sorgt letztlich auch dafür, dass Menschen planen und hoffen können.
Das offensichtliche Problem ist nur: Unser Wirtschaftsmotor ist ins Stocken geraten und wie ein alter
Benziner im Winter will er einfach nicht mehr so richtig anspringen.
Aber warum ist das so? Die üblichen Schuldigen sind schnell benannt. Der wahre Kern liegt tiefer.
Die Null-Zins-Politik hat zusammen mit strukturellen Bauhindernissen die Mieten explodieren lassen.
Chinas Aufstieg und die Coronakrise haben unsere Industrie und unsere Lieferketten erschüttert.
Putins Angriffskrieg hat die Energiepreise nach oben getrieben.
Und Trumps Chaos verstärkt alles nur noch weiter.
Verschiedene Ursachen, haben ein gemeinsames Ergebnis: Der Alltag ist für einen großen Teil der
Menschen in diesem Land schwieriger, rastloser und vor allem teurer geworden. Der Kuchen wächst nicht
mehr – nein, er schrumpft sogar und was dabei verloren geht, ist weit mehr als wirtschaftliche Leistung. Es
ist der Glaube an Chancen und Fairness. Denn aus zu langer Anstrengung entsteht Frustration, aus
Frustration wächst Angst, und aus Angst entsteht Hass. Und Hass sucht sich Gründe und findet viele.
Tiefer Vertrauensverlust ist der Sargnagel jeder Demokratie und jeder Volkswirtschaft. Das sage ich als
Ökonom, als Gründer und als überzeugtes FDP-Mitglied.Aber wo ist bei diesem Thema der Platz für die FDP? Friedrich August von Hayek hat mal gesagt:
„Wer nur zwischen Kapitalismus und Sozialismus wählen will, hat den Liberalismus nicht verstanden."
Liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde, eine Marktwirtschaft, die es nicht schafft, durch Arbeit für
Entlastung zu sorgen, ist sinnlos. Die wichtigste Aufgabe einer liberalen Partei ist es, einen Weg
aufzuzeigen, der den Wohlstand für die gesamte Gesellschaft wieder anhebt. Ein Wohlstand, der alle
mitnimmt, ohne alle gleichzustellen. Und genau deswegen ist die Zeit für eine starke FDP der Mitte aus
meiner Sicht jetzt gekommen. Eine Partei, die für Chancengerechtigkeit, wirtschaftliche Kompetenz und
zuletzt Fortschritt steht.
Die einzige Frage, die noch offen ist, ist das WIE.
Wie wollen wir wieder mehr Chancengerechtigkeit und Wachstum ermöglichen? Unsere bisherigen
Antworten kennen wir alle: Bürokratieabbau, mehrgliedriges Schulsystem, Digitalisierung. Das ist alles
nicht falsch. Aber es reicht bei weitem nicht. Warum? Weil es zu allgemein ist.
Die Hoffnung, dass ungezielte Entlastung in einer Weise das Menschen es wirklich spüren ankommt, muss
ich Ihnen hier und jetzt als Ökonom leider nehmen. Breiter Gesellschaftlicher Wohlstand entsteht nur auf
eine Weise. Durch Innovation.
Und weil Schlagwort-Bingo nicht so mein Ding ist, möchte ich das Ganze an einem Beispiel
veranschaulichen, das jeder kennt. Am Automobil. In den 1950er-Jahren war ein Auto ein reines Luxusgut.
Individuelle Mobilität konnten sich nur wenige sehr wohlhabende Menschen leisten. Achtzig Jahre später
ist genau diese Mobilität für Millionen Menschen selbstverständlich. Was einst nur einigen wenigen
vorbehalten war, wurde zum Alltag für eine ganze Gesellschaft.
Durch Fortschritte in Produktion, Materialien und Automatisierung konnten Autos in großer Zahl und
deutlich günstiger hergestellt werden. Brillante Ideen gepaart mit mutigem Ingenieursgeist haben dafür
gesorgt, dass die Preise sanken, neue Arbeitsplätze entstanden und Deutschland Exportweltmeister wurde.
Aus Luxus wurde Alltag. Aus Innovation wurde gerechter Wohlstand.
Und das ist übrigens keine Privatmeinung eines Startup-Gründers. Für genau diese Erkenntnis gab es im
vergangenen Herbst den Wirtschaftsnobelpreis.
Dieser Zusammenhang ist keine nostalgische Lehrstunde, sondern folgt einem wirtschaftlichen Prinzip.
Immer dann, wenn es uns gelingt, bei alltäglichen Grundbedürfnissen durch technologische Innovation die
Kosten zu senken, entsteht breiter und gerechter Wohlstand. Davon profitiert nicht nur eine kleine Gruppe,
sondern die gesamte Gesellschaft.
Genau dieses Prinzip müssen wir als FDP heute wieder nutzen. Und zwar dort, wo die Herausforderungen
für viele Menschen genau jetzt besonders groß sind: in der Gesundheit, in der Pflege, beim Bauen, in der
Energieversorgung, bei den Lebensmittelkosten und in der Bildung.
Ich will, dass wir Baden-Württemberg mit einer klar ausgerichteten Wirtschaftspolitik zum
Innovationstreiber Deutschlands ausbauen und gleichzeitig das Leben für die ganze Gesellschaft wieder
bezahlbar machen.
Ich möchte die Rahmenbedingungen schaffen, dass Technologien eine Chance haben, die uns ermöglichen,
Häuser nicht mehr händisch zu bauen, sondern maschinell, beispielsweise im 3D-Druck-Verfahren. Damit
sinkt der Preis eines Einfamilienhauses nicht um ein oder zwei Prozent, sondern um höhere zweistellige
Beträge. Und zusätzlich verkürzt sich die Bauzeit enorm.
Ich möchte Rahmenbedingungen schaffen, dass autonome Systeme den Nahverkehr dort übernehmen, wo
sich heute kein Bus mehr lohnt. Wer sich für das Land entscheidet, soll dafür keinen Preis mehr zahlen.
Kurz gesagt: Ich will, dass die FDP handfest zeigt, wieso die Marktwirtschaft das Fundament für
gesellschaftlichen Wohlstand und Zusammenhalt ist, statt immer nur theoretisch davon zu sprechen.
Liebe Freundinnen und Freunde, ich weiß, das war viel Ernst für einen Sommerabend. Aber genau
deswegen stehe ich hier. Weil dieser Sommer für uns keine Pause ist. Er ist ein Anfang.Wir sind zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes nicht mehr im Landtag. Das tut weh, und das darf
es auch. Aber wer ganz unten steht, kann ohne Ballast neu bauen. Die Überzeugung ist da. Die Themen sind
da. Und liberale Antworten waren selten so nötig wie heute. Deswegen will ich Euch heute Abend sagen,
wohin aus meiner Sicht die Reise gehen muss.
Ich will eine FDP, die nicht verwaltet, sondern gestaltet.
Ich will eine FDP, die den Aufstieg wieder in die Breite bringt. Nicht durch Umverteilung, sondern durch
Innovation, die das Leben bezahlbarer macht.
Ich will eine FDP, die Freiheit mit sozialer Verantwortung verbindet, ohne den Zwang des Sozialismus und
ohne die soziale Kälte des Kapitalismus.
Das ist die Mitte, für die ich stehe. Mit Herz und Verstand.
Und dieser Weg beginnt nicht in Berlin. Er beginnt hier vor Ort. Denn Wirtschaftspolitik wird im Rathaus
gemacht. Über den Hebesatz, über die Flächen, über das Tempo entscheidet kein Ministerium. Darüber
entscheiden Gemeinderäte und Oberbürgermeister. Ein einziger Beschluss über eine Gewerbefläche kann
Hunderte Arbeitsplätze schaffen. Oder verhindern.
Unser Comeback beginnt also nicht in Stuttgart. Es beginnt an Abenden wie diesem. Und wenn wir diesen
Weg konsequent gehen, dann holen wir nicht nur Prozente zurück. Dann holen wir das Wichtigste zurück:
Vertrauen.
In diesem Sinne: Genießt den Abend. Lasst uns essen, trinken und diskutieren, so wie es Liberale tun. Und
lasst uns morgen weitermachen.
Vielen Dank."
Unser Dank gilt Sean Braun von Stumm für das Vertrauen und die freundliche Genehmigung, sein Statement im Wortlaut veröffentlichen zu dürfen. Wir wünschen Ihnen eine spannende und anregende Lektüre.
Text: M.C.Alten-Siegl
Fotcredits: Sean Braun von Stumm / Ralf Alten

