Teil 2
Zu Fuß kommt die Seele mit
Vom Cortisolspiegel zur seelischen Balance
Eine Studie der Universität Michigan, USA, aus dem Jahre 2019 ergab, dass schon ein tägliches 20-minütiges Spazierengehen im Grünen das Level an Stresshormonen, vor allem das Cortisol, im menschlichen Organismus merklich vermindert. Die Untersuchung spricht von einer „Naturpille“. Gemeint sind damit mindestens drei Spaziergänge pro Woche in der Natur mit einer Dauer von 10 Minuten und mehr.
Vor, während und nach dem Studienexperiment wurden die Cortisolwerte der Teilnehmer durch Analyse einer Speichelprobe bestimmt. Die Ergebnisse zeigten, dass bereits die kurzen Aufenthalte in einer Umgebung, die das Gefühl von Natur vermittelt, ausreichen, um effektiv den Cortisolspiegel im Körper zu senken.
Sicherlich sind die erwähnten wissenschaftlichen Studien nicht der einzige Grund und Antrieb dafür, dass der Spaziergang und das Wandern in den letzten Jahren an Popularität gewonnen haben. So ist die „Wiederentdeckung“ der Natur in unmittelbarer Nähe zum Teil auch den Umständen der Corona-Pandemie geschuldet.
Und sicherlich sind es nicht die Hirnfunktionen alleine, die zu einem seelischen Ausgleich führen. Sich in der Natur aufzuhalten, vor allem für längere Zeit, führt zu einem Leerwerden im Kopf, zum verstärkten Wahrnehmen der Sinne und damit der Welt um sich herum. Es führt auch zu dem Wunsch, einfach an einem Platz zu verweilen und zu genießen, ohne mit seinen Gedanken in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu sein.
Auch die positive Wirkung auf den physischen Körper ist beachtlich. Durch das gleichmäßige Gehen mit leichtem landschaftlichem Auf und Ab wird die Durchblutung angeregt, kommt es zum Ausgleich im Herz-Kreislauf-System, kann der Puls stabilisiert werden, die Atmung wird tiefer, die Verdauung findet statt und der Stoffwechsel wird sanft stimuliert.
Vor allem wird unsere gesamte natürliche Bewegung angesprochen. Es kann eine Lockerung durch den Körper gehen und die Körperhaltung sich ausloten.
Ein gesunder Aspekt sei noch erwähnt: das natürliche Tempo. Da keine technischen Mittel eingesetzt werden, die eine Geschwindigkeit ermöglichen, die dem Menschen auf natürliche Weise nicht gegeben ist, bleiben Körper, Geist und Seele sozusagen beisammen. Es entsteht nicht ein Gefühl der Zerissenheit.
Wer kennt nicht den Satz: „Ich brauchte mehrere Tage, um innerlich wirklich angekommen zu sein.“
Im Wandern oder Spaziergang in der Natur findet ein natürliches, jahrmillionenaltes Geschehen statt, in dem eine tiefe Kommunikation möglich wird – mit sich selbst, seinem Mitmenschen und der Natur.
Der Mensch braucht das Du, das Gegenüber, um sich selbst zu sein. Dann findet sich alles, was er braucht und ihn mit dem Leben und der Welt verbindet.
Anders ausgedrückt:
Zu Fuß kommt die Seele mit!
Text und Fotocredits: Karl Heinz Knebel


