22. August 2026 / Lifestyle & Trends

Stressabbau beim Spaziergang und Wandern Teil 1

Karl-Heinz Knebel, Praxis für Psychotherapie und Coaching, über die heilsame Wirkung von Spaziergängen, Wandern und Natur auf Körper und Seele.

Veröffentlicht am 22. August 2026 um 10:38 Uhr

Teil 1

Zu Fuß kommt die Seele mit
Stressabbau beim Spaziergang und Wandern

Es gibt drei Grundbewegungen des Menschen, die er aufgrund seiner evolutionären Entwicklung mitbringt: Räkeln – dies vor allem im Säuglingsalter –, Schwimmen – wird zwar erlernt, die Fähigkeit ist dem Menschen aber angeboren, schließlich kommt das Leben aus dem Wasser –, und das Gehen – die ureigenste Form menschlicher Bewegung.

Durch das Gehen gelangte der Mensch auf seinen Wanderungen aus den afrikanischen Savannen in alle Ecken und Enden der Erde. Über Jahrtausende hinweg blieb er diesem „Spaziergang“ treu. Erst vor etwa 12.000 Jahren begannen nach heutigem Wissen die ersten festen Siedlungen zu entstehen. Meist waren es religiöse Zentren, um deren Plätze feste Behausungen entstanden und Menschen sich dauerhaft niederließen. Bis heute resoniert dieses Wandern durch die Welt in seinem Verhalten – unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialem Status. Heute wird es Mobilität genannt.

In den letzten Jahrzehnten erlebte die Welt ein so nie gekanntes Ausmaß an Tourismus. Durch technische Errungenschaften wie das Auto, die Bahn und das Flugzeug boten sich Fortbewegungsmöglichkeiten an, schnell von einem Ort zu einem nahen oder weit entfernten Platz zu gelangen, ohne sich körperlich zu verausgaben. Laut einer Statistik waren 2019 zum Beispiel permanent und zeitgleich ca. eine Million Flugpassagiere weltweit in einem Flugzeug unterwegs.

Erholung bedeutete für viele Menschen, weit weg auf eine Insel oder einen anderen Kontinent zu fliegen, um dort einige Zeit zu verbringen. Erst die Corona-Pandemie stoppte diesen Trend. Seitdem wächst das Interesse an der einheimischen oder mitteleuropäischen Natur und der Wunsch, diese zu durchwandern. Auch in den Städten zeichnet sich der Trend ab, durch deren Grünflächen, Parks oder am Rande gelegene Naherholungsstreifen spazieren zu gehen. Und sei es nur für eine kurze Dauer.

Vor allem die Tourismusbranche nimmt erfreut diese Begeisterung für Spaziergang und Wandern wahr. Es werden Premiumwanderwege bestimmt, auf Hotspots aufmerksam gemacht und u. a. das „Waldbaden“ angepriesen. Alles digital ersichtlich und abrufbar auf dem Smartphone.

Sicherlich ist vieles alter Wein in neuen Schläuchen – aber immerhin wird er getrunken. Das „Waldbaden“ z. B. verkündet und vermittelt ein sinnliches Erleben mit einem hohen Entspannungseffekt. Und das ist durchaus so. Der Begriff kommt aus Japan. Dort leben Menschen in riesigen urbanen Zentren wie Tokio auf engstem Raum, umgeben von Asphalt, Beton und Glas. Hinein in die umliegenden bewaldeten Berge zu fahren, Stille aufzusuchen und sich in einer heißen Thermalquelle zu regenerieren, ist den stressgeplagten, mit wenig Freizeit ausgestatteten Japanern ein Quell der Erholung.

Der Trend geht also zunehmend in ein nicht auf Leistung bezogenes Durchwandern der Natur, auf ein sinnliches, genießendes Erleben der Natur, bei dem das Wahrnehmen der Erde, der Flora und Fauna, das Schmecken der Luft in den Vordergrund rückt.

Es darf durchaus mit Stolz darauf hingewiesen werden, dass gerade der Stuttgarter Großraum dem dafür aufgeschlossenen Menschen viele Möglichkeiten bietet. Sind es in der Stadt die vielen anheimelnden Parks, so ist es die Vielzahl und Vielfältigkeit der Naherholungsgebiete um die Stadt herum. Vom Waldgebiet um den Bärensee bis hin zum Murrhardter und Schwäbischen Wald oder den Löwensteiner Bergen und dem Naturpark Schönbuch. Und wer es etwas deftiger möchte, kann sich auf der Schwäbischen Alb oder auf den Wanderwegen des Schwarzwaldes wiederfinden. Es bietet sich so viel Natur an, die auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist.

Das Bemerkenswerte und zugleich Schöne ist, dass heute Menschen jeglichen Alters, in Gruppen, einzeln oder als Paare auf diesen Wanderwegen anzutreffen sind. Auch viele Familien mit Kindern.

Es sind nicht nur Rentner oder Mitglieder eines Vereins unterwegs, wie in früheren Zeiten, die „typischen“ Wanderer oder Spaziergänger aus Passion. Auch hat sich das Publikum „internationalisiert“. Ob auf den Wegen, den Hotspots oder in den Ausflugslokalen – es vermischen sich vielfältig Englisch, Französisch, Deutsch, Japanisch und Chinesisch, um nur einige Sprachen zu nennen, und geben dem erstaunten Zuhörer das Gefühl, in der weiten Welt beheimatet zu sein.

Von der Amygdala und dem Cortisolspiegel
Was aber macht den Spaziergang und das Wandern wieder so attraktiv? Kurz gesagt: der Stressabbau – vom Dysstress zum Eustress. Dazu gibt es neue wissenschaftliche Studien für eine bessere psychische Gesundheit.

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin fand heraus, dass nach einem 60-minütigen Spaziergang in der Natur die Aktivität in den Gehirnregionen abnimmt, die an der Stressverarbeitung beteiligt sind. In einer Stadt zu leben, sei schon nach bisherigen Studien ein Risikofaktor für psychischen Stress, während es für die psychische Gesundheit und das Gehirn von Vorteil sei, nahe an der Natur zu leben.

Die Amygdala, auch Mandelkern genannt, Teil des limbischen Systems, ist an der emotionalen Stressverarbeitung des Menschen zentral beteiligt, so z. B. bei der Angst- oder Aggressionsbewältigung. Es zeigte sich, dass bei Menschen, die in ländlichen Gebieten leben, die Amygdala weniger aktiviert ist als bei Menschen im städtischen Raum. Dies weist auf eine mögliche positive Wirkung der Natur hin.

Ob diese Effekte tatsächlich mit dem Umfeld der Menschen zu tun haben, untersuchte das MPI in Berlin mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) bei gesunden Probanden vor und nach einem einstündigen Spaziergang im Grunewald oder auf einer Einkaufsstraße mit Verkehr in Berlin.

Es zeigte sich, dass die Aktivität in der Amygdala nach dem Spaziergang in der Natur abnahm. Interessanterweise blieb die allgemeine Gehirnaktivität nach einem Stadtspaziergang aber stabil.

Das Ergebnis deckt sich mit einer 2017 angefertigten Studie, die aufzeigte, dass Stadtbewohner, die am Rande eines Waldes lebten, eine physiologisch gesündere Struktur der Amygdala aufwiesen und daher vermutlich besser mit Stress umgehen konnten. Daraus wurde abgeleitet, dass es wichtig sei, mehr städtische Grünflächen zu schaffen, um die psychische Gesundheit der Stadtbevölkerung zu verbessern.

Ein weiterer Marker für Stresslevel ist der Cortisolspiegel. Cortisol, auch als Stresshormon bezeichnet, wird in der Nebennierenrinde hergestellt und in der Leber abgebaut. Dauerhaft erhöhte Cortisolwerte werden mit Übergewicht, Herz-Kreislauf-Störungen, Schwächung des Immunsystems, Depressionen und weiteren Erkrankungen in Verbindung gebracht.

Fortsetzung folgt ....

Text und Fotocredits: Karl Heinz Knebel

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