Ausgedehnte Strandwanderungen in der Bucht von Audierne
Übertourismus ist ein Fremdwort
Im Hochsommer um die Sommersonnenwende sind die Tage in der Bretagne - bretonisch Breizh - im äußersten Nordwesten Frankreichs ewig, Sonnenuntergang ist an der Westspitze des festländischen Europas erst gegen 22.30 Uhr. Bis der Tag endgültig der Nacht weicht, ist fast schon Mitternacht. Zeit genug also für abendlichen Aktivitäten.
Aber gerade die langen Tage wollen ein wenig strukturiert werden. Für ausgedehnte Strandwanderungen vorzugsweise bei Ebbe, auch an langen Sommerabenden, ist die Bucht von Audierne, bretonisch Gwaien, wie geschaffen. Der reine Sandstrand erstreckt sich von Penhors Plage bis zum Pointe de la Torche im Süden. Er ist mit einer Länge von ca. 20 Kilometern einer der längsten der zusammenhängenden Sandstrände der Bretagne.
An besonders markanten Punkten wie Penhors Plage, Plovan und Treguennec ist der Strand von 1.Juli bis 31.August (von 13 bis 19 Uhr) überwacht. Grundsätzlich gilt, wie es an allen überwachten Stränden angeschrieben steht: Baignade dangereuse, mais surveille - Baden gefährlich, aber überwacht. Wer ins Meer hinausschwimmen will, sollte das unbedingt an einem überwachten Strand tun, denn Baden ist auch bei grüner Flagge wegen möglicher Unterströmungen nicht ungefährlich und geschieht immer auf eigene Gefahr.
Die bretonische Halbinsel und besonders die Südküste haben ein subtropisches Klima. Sehr milden Wintern stehen gemäßigte Sommer gegenüber. Trotz der Klimaerwärmung gehen die Temperaturen in der Bucht von Audierne äußerst selten über 30 Grad hinaus. Der kühle Atlantik bringt eine angenehme Brise und sorgt für den Ausgleich. Die Wassertemperatur steigt von 16 bis 17 Grand im Frühsommer (Juni) in Strandnähe auf maximal 20 Grad im August.
Auch im Zeitalter des Massentourismus bleibt die Bretagne eine Insel der Glückseligen. Soviel steht fest: Übertourismus ist und bleibt für die Bretagne ein Fremdwort, auch wenn die Halbinsel bei den Franzosen selbst immer beliebter wird. Jeder kann nach seiner Facon selig werden. Ob im Hotel, in Privatquartieren (Chambres d'Hotes), in der Ferienwohnung oder Ferien auf dem Bauernhof wie bei Madame Marie-Rene Moalic in Kervriec, einem kleinen Weiler bei Pouldreuzic - in der Bretagne ist für jeden ist was dabei. Die Bretagne ist etwas für ausgesprochene Individualisten, aber auch für Familien und Kurzentschlossene, denn Quartiere gibt es noch genügend.
Direkt am Meer laden Cafe-Restaurants. wie das Penn- ar-bed in Penhors Plage zum Besuch ein. Einfach nur einen frisch aufgebrühten Milchkaffee schlürfen, die Seele baumeln lassen, dem ewigen Gezeitenspiel des Atlantiks zuschauen oder abends a la carte essen, das Meer immer im Blick.
Weil man nicht den ganzen Tag am Strand verbringen kann, auch wegen der hohen UV-Strahlung, die stets ein Sonnenschutzmittel erfordert, bieten sich Nachmittags Ausflüge ins Hinterland an. Vor allem die Departements-Hauptstadt des Finistere Quimper (bretonisch Kemper), malerisch zu beiden Seiten des Odet gelegen, bietet sich mit ihrer alles überragenden gotischen Kathedrale St. Corentin als Tagesausflug an. Viele kleine Boutiquen lassen den typisch bretonischen Charme aufkommen. Im Grand Cafe de Finistere oder im Künstlerkaffee neben dem "Musee des beaux-arts" lässt man sich vis-a-vis der Kathedrale nieder und geniesst die Vorabendstimmung auf dem "Place St.Corentin" bei Crepes oder einer Vorspeisenplatte..
An Samstagen lohnt sich ein Abstecher ins Hafenstädtchen Audierne mit seinem großen Markt (bis 13 Uhr), an dem die Bauern der Region ihre Waren feilbieten. Zum Ausklang trifft man sich in einem der unzähligen Cafes rund um den Hafen. Kulinarische Glanzpunkte setzen in Audierne ein Dutzend gut geführter Restaurants. Allen voran "Le Goyen" mit Blick auf den Hafen. Die bretonischen Spezialitäten ranken sich rund ums Meer: Cotriade, ein rustikaler Fischeintopf oder Plateau de fruits de mer (Meeresfrüchteplatte) - Tischreservierung ist unbedingt empfohlen.
Schonmal in Audierne, lohnt sich die Ausfahrt an die Pointe du Raz, den vom Atlantik umspülten, wilden Felsklippen, die den äußersten westlichen Punkt des festländischen Europas bilden. Eine beeindruckende Felslandschaft wie aus dem Bilderbuch.
Im Hafen von Audierne ist auch das Einschiffen für die Überfahrt auf die Ile de Sein mit ihrer üppigen mediteranen Vegetation möglich. Die Ile de Sein liegt im Atlantik der Bretagne vorgelagert. Schon ist man unvermittelt in der Geschichte. Auf der Ile de Sein hat der spätere französische Staatspräsident der 5. Republik, Charles de Gaulle, 1940 im zweiten Weltkrieg das freie Frankreich ausgerufen, ehe er nach Großbritannien übersetzte.
Wer's folkloristisch mag, für den ist die Bretagne geradezu ein Paradies, vor allem in den Sommermonaten. Ein Muss unter den Folklore-Festivals ist "die Cournouaille", das große Trachtenfest in Quimper (noch bis Sonntag) oder die "Interceltique" in Lorient (31.7.-9.8.2026). Beim größten Festival der Bretagne und ganz Frankreichs der "Interceltique" mit bis zu einer Dreiviertelmillion Besuchern feiern rund 5000 Künstler von Galizien bis Schottland die keltische Kultur mit Konzerten, Tanzshows und traditionellen Umzügen.
Auf der Rückreise ist noch ein Besuch in der Künstlerkolonie von Pont Aven fällig. Unter Paul Gaugin entwickelte sich in den 1880er Jahren eine bedeutende Künstlerkolonie. Zur Besichtigung lohnt auch das Musee des Beaux-arts.
Irgendwann heißt's adieu sagen, ist auch der schönste Bretagne-Urlaub zu Ende. Aber soviel verspreche ich: Wer einmal vom Bretagne-Fieber gepackt ist, kommt immer wieder.

Anreise: Mit dem Auto sollte man die Fahrt auf zwei Tage ausdehnen, denn in Frankreich gilt das Goethe-Motto "Man reist, um unterwegs zu sein", erst recht. Als Orte der Zwischenstation für die Übernachtung bieten sich Chartres, Orleans oder Sens an, auch um anderntags die bedeutenden Kathedralen zu besichtigen.
Am bequemsten ist die Anreise per Zug. Wer früh um 9.10 Uhr in Stuttgart den TGV besteigt, hat nach der Ankunft in Paris am Gare de L'Est (12.36 Uhr) den Nachmittag für einen Stadtbummel in Paris, ehe es mit dem letzten TGV vom Gare Montparnasse 19.57 Uhr nach Quimper (Ankunft 23.45 Uhr) weiter geht. Über SNFCConnect oder direkt bei der Autovermietung, bei Vorlage der Fahrkarte bis zu 15 % Rabatt, kann man für die Dauer des Aufenthalts ein Auto mieten. Ein Auto ist in der Bretagne zu empfehlen, denn der öffentliche Personennahverkehr ist wegen der weitläufigen Besiedlung nicht so dicht und die Entfernungen zum nächsten Supermarkt oder Bäcker, betragen oft bis zu 20 Kilometer.
Die Fotos:
1.) Die Hafenstadt Audierne
2.) In Quimper laufen alle Straßen auf die Kathedrale St. Corentin zu
3.) Im Cafe-Restaurant "Penn-ar-bed" in Penhors Plage genießen die Besucher den imperialen Blick aufs Meer
4.) Sandstrand in der Bucht von Audierne soweit das Auge reicht
5.) Sicherheit zuerst: Die Maitres Sauvteurs am Posten Plovan
6.) Marktstände in der Hafenstatdt Audierne
7.) Typisch bretonische Kirche in Plovan
8.) Sonnenuntergang in der Bucht von Audierne
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Text und Fotocredit Klaus Henrich

