"Im Kühlschrank brennt noch Licht oder Lieben Sie Schlager?"
In ihrem neuen Tanztheater (Treffpunkt Rotebühlplatz) versucht sich die Stuttgarter Regisseurin Katja Erdmann-Rajski mit einer anspruchsvollen Choreographie für zwei Solotänzerinnen dem Thema der menschlichen Einsamkeit und der Suche nach Liebe anzunähern. Grundlage sind die eingespielten 15 Chansons oder Schlager des verstorbenen Chansonniers Udo Jürgens (1934-2014). Das Tanztheater über die Einsamkeit in Udo Jürgens' Liedern "O Solitude I" ist der Auftakt zu einer Neuen Reihe von Katja Erdmann-Rajski
An keinen anderen Ort der Welt würde das Stück besser passen als nach Stuttgart unterhalb des Schlosses "Solitude" - Einsamkeit. Während Herzog Carl Eugen (1728-1793), der absolutistische Herrscher über Württemberg, das Lust- und Jagdschloss "Solitude", noch als Rückzugsort (1763-69) errichten ließ, um sich dort in die Einsamkeit und zu den Liebesspielen mit seinen Mätressen zurückzuziehen, ist Einsamkeit heute sehr ambivalent zu sehen. Die Anziehungskraft der "Solitude" ist geblieben. Noch immer treffen sich auf der Solitude an warmen Sommerabenden Liebespaare und Singles und träumen von Liebe, empfinden aber auch Einsamkeit.
Genauso wie Udo Jürgens, der das Thema LIebe und Einsamkeit bereits zu Lebzeiten in seinen Chansons oder Schlagern thematisiert hat. Jürgens, bürgerlich Jürgen Udo Bockelmann, war zwar Familienmensch, fühlte sich aber dennoch zeitlebens einsam. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, so auch bei Udo Jürgens und im Tanztheater "Im Kühlschrank brennt noch Licht oder Lieben Sie Schlager ?"
Das Stück beginnt mit einem Evergreen von Udo Jürgens, zu der sich Solotänzerin Kristina Olearnikova im Morgenmantel, den Rücken zum Publikum, auf leere Sitzreihen blickend, schlafwandelnd bewegt.
- "Ein Tag wie jeder, ich träum von Liebe.
- Doch eben nur ein Traum
- Menschen wohin ich schau, Großstadtgetriebe
- Und überall such ich sie, sie
- 17 Jahr, blondes Haar, so stand sie vor mir
- 17 Jahr blondes Haar, wie find ich zu Ihr ?
Udo Jürgens hat (wohl) nie zu ihr gefunden, die große Liebe blieb für ihn ein Traum. Vor seinem Tod bekannte Jürgens in einem großen Interview für eine Boulevardzeitung: "Die große Liebe habe ich nie gefunden." Blieb er also zeitlebens trotz eines großen Publikums einsam? Mitnichten, Udo Jürgens hatte ja seine Chansons, seine Musik, die er über alles liebte. Nach dem Prinzip der absoluten Musik, ist Musik alles, auch mehr als die große Liebe. Und schliesslich hatte Udo Jürgens die Einsamkeit als Rückzugsort, in der auch Hoffnung wächst.
Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Deshalb schließt der Reigen der Chansons auch versöhnlich. Man könnte sich am Ende aus dem Treffpunkt Rotebühlplatz fast in einem Hochamt in der Stuttgarter Stiftskirche oder der Domkirche St.Eberhard wiederfinden.
- "Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf,
- und wieder bringt ein Tag für uns ein Licht.
- Ja immer, immer wieder geht die Sonne auf...
- Denn Dunkelheit für immer gibt es nicht.
- Die gibt es nicht, die gibt es nicht....
Auch die beiden Tänzerinnen (Sonia Lautenbacher und Kristina Olearnikova), die für knapp eineinhalb Stunden an ihr persönliches Limit gehen, im Tanz ihre Einsamkeit, mal in Zwietracht, mal in Eintracht, überwunden haben oder zu überwinden suchen, würden am liebsten mitsingen, genauso wie es das begeistert nachdenkliche Premierenpublikum ganz zaghaft tut. Die Tänzerinnen haben alles in ihren Kräften stehende mittels tänzerischen Ausdrucks getan, um die Einsamkeit wenigstens für Momente zu besiegen. Der Tanz als befreiende Kraft aus der Einsamkeit?
Das Problem der Einsamkeit geht uns alle an, ist Generationenübergreifend. Die Wahl des Sujets, die Leistung von Tänzerinnen, Choreographin und Regisseurin, sowie des Teams der Produktion würdigend, hätte dieses Tanztheater auch eine größere Bühne, wie das Staatstheater Stuttgart oder die Staatsoper Stuttgart verdient.
O Solitude II wird jedenfalls schon mit Hochspannung erwartet.

Text: Klaus Henrich
Rosen für die Darsteller:
Die Tänzerinnen Kristina Olearnikova, Sonia Lautenbacher, Regisseurin und Choreographin Katja Erdmann-Rajski (von links)
Fotocredit: Klaus Henrich
Fotocredits: ©Michael Bruehl-Saager

