Fulminante und umjubelte Premiere von Francis Poulenc' Musiktheater "Dialogues des Carmelites" an der Staatsoper Stuttgart.
Langanhaltender Applaus für das Ensemble, die Sängerinnen und Sänger, den Chor und das Orchester, das vom scheidenden Generalmusikdirektor Cornelius Meister in seiner letzten Neu-Inszenierung erneut meisterlich dirigiert wird. Prasselnder Beifall, bei nur wenigen Buhrufen, für das Regieteam.
Die Staatsoper in Stuttgart hat die Karwoche mit der Inszenierung von "Dialogues des Carmelites" überaus sakral und würdevoll begonnen. Die Inszenierung der polnischen Regisseurin Ewelina Marciniak, die eine streng feministische Interpretation des Werkes gibt, ist mehr als nur eine feierliche Messe, sie ist ein vorgezogenes österliches Hochamt von ganz starken Frauen.
Eine Oper im herkömmlichen Sinn ist "Dialogues des Carmelites" , die einer wahren Begebenheit aus der Revolutuin folgt, nicht. Sie ist eher ein Mysterienspiel, ein "Hybrid aus Diskursoper, psychologischem Kammerspiel und Liturgie", wie es im Programmheft heißt. Die Suche der Ordensgemeinschaft und der Protagistin Blanche de la Force nach dem Sinn des Lebens, ist das beherrschende Thema. Die ohne Mutter aufgewachsene Blanche, die in der realen Welt keinen Halt findet, ist von tiefer Sehnsucht nach Sinn und Transzendenz erfüllt. Zuflucht findet sie in der Ordensgemeinschaft der Karmelitinnen von Compiegne.
Aber diese Zuflucht ist nach dem Ausbruch der französischen Revolution 1789 stark bedroht. Da die Revolution, wie auch schon vorher das "ancien regime" vom Staatsbankrott bedroht ist, wird der gesamte Kirchenbesitz enteignet und verkauft.
Noch schlimmer. Die Revolution, die für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (unter Männern) stand, nimmt immer mehr totalitäre Züge an, richtet sich zunehmend auch gegen die Kirche als Glaubensgemeinschaft. Der Orden, der seinem Glauben und Ritualen nicht abschwören will, wird der Konterrevolution verdächtigt und verhaftet. Von Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ist noch keine Rede. In den letzten Tagen der Revolution, im Juli 1794, gehen die 16 Karmelitinnen ins Martyrium, das "Salve Regina" singend. Mit jedem Schlag der Guillotine verstummt eine Stimme in ihrem Chor. Als nur noch Schwester Constance übrig ist, taucht die zuvor geflohene Blanche aus der Menge auf. Erlöst und von allen Zweifeln befreit, folgt sie ihren im Glauben starken Schwestern freiwillig unter die Blutdusche der Guillotine. Dann legen sie alle, in Blut getränkt, wie zur Leichenschau nebeneinander zum Schlussbild auf die Bühne.
"Blanche, c'est moi" (Blanche, das bin ich) ist das künstlerische Glaubensbekenntnis des gläubigen Katholiken Poulenc.
Hand in Hand mit Blanche, die von Rachael Wilson in ihrem Rollendebut glänzend gesungen wird, führt uns Poulenc in den Garten Gethsemane - in jene tiefe Nacht, in der Christus seiner eigenen Todesangst begegnet. Die Karmelitinnen, die 2024 von Papst Franziskus heiig gesprochen worden waren, sind eine theologische und emotionale Auseinandersetzung mit dem Lebensende. Sie sind total durchdrungen vom Tod. Blanches Ringen, wie das der Ordensschwestern, mit dem Unbegreiflichen, konfrontiert auch uns immer wieder mit dem Blick auf die eigene Endlichkeit.
Weitere Aufführungen: 1.4, 8.4.,12.4.15.4.18.4.
Text und Fotocredits: Klaus Henrich

