Wagners Lohengrin als Musical
Traum, Traumata oder Realität
Osterfestspiele starten neue Ära
Von KLAUS HENRICH
Bei der grandios inszenierten romantischen Oper "Lohengrin" von Richard Wagner bei den Osterfestspielen im Festspielhaus von Baden-Baden gehen Träume, Traumata, Geschichte und Realität wild durcheinder und ineinander auf. Jeder kann sich seine Interpretation, seine Geschichte selber reimen. Eine überlegte Regie von Johannes Erath, die imposante musikalische Leitung von Joana Mallwitz mit dem Mahler Chamber Orchestra, hervorragende Sängerinnen und Sänger, sowie der tschechische Philharmonische Chor Brünn, der Philharmonia Chor Wien lassen den Abend zu einem großen Musiktheater-Ereignis werden. Nachdem Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern nach Salzburg zurückgekehrt ist, hat in Baden-Baden eine neue Ära der Osterfestspiele begonnen.
Am zentralen Sujet des Lohengrin, dem Frageverbot wird nicht gerüttelt. Elsa von Brabant (Rachel Willis-Sörensen) darf ihren Retter, den Schwanenritter Lohengrin (Piotr Beczala) nicht nach Namen oder Herkunft fragen ("Nie sollst Du mich befragen"). Geplagt von Zweifeln, gefoltert von den Intrigen von Ortrud (Tanja Ariane Baumgartner) und Friedrich v. Telramund (Wolfgang Koch), bricht Elsa das Verbot. Über das bedingungslose Vertrauen stellt Elsa den allzu menschlichen Drang nach Erkenntnis. Nur so ist für sie wahre Liebe möglich. Statt auch der Retter von Brabant zu werden, muss Lohengrin in die Gralsgesellschaft zurückkehren, gibt vorher aber seine Identität preis, Gralsritter von Parzival zu sein. Als der Schwan naht, ihn zur Gralsburg zurückzubringen, verwandelt der Schwan sich in Elsas totgeglaubten Bruder Gottfried von Brabant. Ein Jüngling als der neue Herrscher von Brabant.
Unter Eraths Regie mutiert der Lohengrin über weite Strecken zum bunten Musical. Schwanenfedern regnet es bei der Ankunft des Schwanenritters Lohengrin auf Bühne und überraschtes Publikum gleichermaßen. Nach dem verlorenen Zweikampf gegen Lohengrin versetzt Ortud Telramund eine schallende Ohrfeige. Bei der Hochzeitsfeier von Elsa und Lohengrin feiert die brabantische Gesellschaft ausgelassen und etwas orientierungslos in Schwanenautos. In einer mythischen Welt hält allein der Heerrufer des Königs (Samuel Hasselhorn) als Nachrichtensprecher im blauen Anzug die Verbindung zur Außenwelt, zur Realität. Was die Welten verbindet ist die Hoffnung auf ein Wunder.
Aber das bleibt Elsa vorbehalten. In ihrem unerschütterlichen Glauben an die im Traum geschaute Realität erweist sich Elsas Stärke. Im Angesicht des drohenden Todesurteils für den ihr angelasteten Brudermord, vertraut sie darauf , dass das Wunder sich ereignen und der erträumte Retter erscheinen wird. Lohengrin von König Heinrich I. (Kwangchul Youn) zum Heerführer berufen, hätte auch das Zeug zum charismatischen Führer gehabt. Ob autokratisch oder demokratisch legitimiert, kann nicht mehr geklärt werden, da Lohengrin durch Elsas Tabubruch, wieder dem Gral verfällt.
Die Klärung der politischen Systemfrage in Baden-Baden ist bis zu den Osterfestspielen 2027 (20.3 bis 29.3.) vertagt. Im Beethovenjahr 2027, zum 200. Todestag des Komponisten, steht Ludwig van Beethovens große Oper "Fidelio" auf dem Programm. Viele Deutungen sind möglich.
Soviel steht fest: Die Osterfestspiele in Baden-Baden sind mehr denn je eine Reise wert.
Fotocredits: Klaus Henrich

