15. Mai 2026 / Kultur

Kassandrarufe aus dem Staatstheater

Droht dem Dreispartenhaus die Todesspirale? Intendanz will dagegenhalten

Veröffentlicht am 15. Mai 2026 um 09:06 Uhr

Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.

In Abwandlung von Friedrich Schillers Bonmot ist das Leben sogar todernst geworden. Das kann an der Kunst, dem Theater, nicht vorüber gehen. Unheil liegt in der Luft. Zu Beginn der Jahrespressekonferenz im Kammertheater spielt der Geschäftsführende Indendant der Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, die Kassandra, die das Unheil ankündigt. Hendriks: "So eine Situation gab's noch nie. Wir stehen vor einem gewaltigen Transformationsprozess. Die Staatstheater stehen vor den gewaltigsten Veränderungen ihrer Geschichte. Wir sind mitten in einem Verteilungskampf um die Öffentlichen Mittel." Vor allem seitens der Stadt Stuttgart sieht Hendriks die Gefahr, einer weiteren Kürzung der Zuwendungen zum Haushalt der Staatstheater.

Im Gegensatz zur griechischen Mythologie, in der die Kassandrarufe ohne Wirkung verhallen, hat die Intendanz (noch) die Hoffnung, dass ihre Rufe noch rechtzeitig gehört werden. Vor allem die Stadt, die immer gewaltiger auf die Sparbremse drückt, wird in die Pflicht genommen.

Bereits für die laufende Spielzeit 2025/26 mussten die Staatstheater ihren Etat um 4,4 Mio Euro abspecken. Der Etat von 131 MIo Euro für die laufende Spielzeit muss für die Spielzeit 2026/27 nochmal 4,6 Mio gekürzt werden. Heißt, um der Theatersprache zu beiben. Das Mini-Kostüm wird gefährlich nah auf Supermini gekürzt. 

Sollte die Stadt Stuttgart, die wegen Einbrüchen bei der Gewerbesteuer in akuter Finanznot ist, die Zuwendungen weiter kürzen, würden auch die Landesmittel spärlicher fließen. Denn Stadt und Land finanzieren den Betrieb der Staatstheater jeweils zur Hälfte. Gibt die Stadt den Betrag X weniger, kürzt auch das Land um denselben Betrag. Wird aus der Abwärtsspirale gar die Todesspirale für das Dreispartenhaus? 

 

Opernintendant Viktor Schoner, ein gelernter Betriebswirt, will's nicht soweit kommen lassen, weiß die Not zur Tugend zu machen. Heißt: Gespart wird trotzdem nicht. Zumindest nicht an neuen Produktionen, die teilweise von anderen Opernhäusern übernommen werden, teilweise in Koproduktion mit anderen Spielstätten entstehen, wie zum Saisonstart "Lucia die Lammermoor" (3.10.2026) von Gaetano Donizetti, eine Produktion der Royal Ballet and Opera Covent Garden, London. Dazu kommt "La Traviata" (13.12.2026), eine Produktion des Theater Basel. sowie die "Alceste" (25.6.2027) von Christoph Willibald Gluck, eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen.

Dazu kommen zwei Uraufführungen: "Die drei ??? und das Spiegelkabinett" (20.2.2026) von Gordon Kampe und "Atatürk" (10.4.2026) von Bassam, Akiki als Nachfolgeprojekt von "Station Paradiso".

Zum bevorstehenden 200.Todesjahr von Ludwig van Beethoven ist ein Gastspiel beim Beethovenfest in Bonn geplant, sowie das "Konzert mit Szene" Beethoven Neun - Ode an das Leise im Programm.

Last not least rollt Stuttgart seinem neuen Generalmusikdirektor, dem Australier Nicholas Carter den Roten Teppich aus. Der Nachfolger von Cornelius Meister macht Stuttgart per Videobotschaft eine Liebeserklärung. Carter: "Stuttgart hat eines der Schönsten Opernhäuser der Welt." Carter gibt seinen Einstand mit der musikalischen Leitung der Neuinszenierung "Lady Macbeth von Mzensk" von Dimitri Schostakowitsch (8.11.) , sowie mit dem Rosenkavalier von Richard Strauss (6.5.2027).

Die Specials im Opernhaus: Homecoming Concert, Comedian Harmonists, oper meets HipHop, The Littmann-Sessions, Open Opera  und andere.

Nicht zu vergessen, das umfangreiche Repertoire - Programm (15 Opern) mit der Wiederaufnahme "Der Fliegende Holländer" (24.1.) und "die Meistersinger von Nürnberg" (28.2.) von Richard Wagner. Dazu weitere Kassenschlager wie "Die Zauberflöte", "Idomeneo" (Mozart), Tosca (Puccini), La boheme (Puccini), La Cenerentola (Rossini), und, und und.....

Schoners Konter an die Stadt: "Wir haben ein unglaublich, attraktives Programm mit sehr emotionalen Opern. Das alles bei noch mehr Spieltagen." 

 

Da will das Ballettensemble nicht zurückstehen. Das Motto: Feste muss man feiern, wie sie fallen. Mit  Maurice Bejart, John Cranko und Marcia Haydee feiert das Stuttgarter Ballett gleich drei große Geburtstage. Es versteht sich, dass die drei Großen des Stuttgarter Balletts mit großen Galas gewürdigt werden.

Zum Saisonauftakt gibt's deshalb "Onegin" von John Cranko (25.9.2026). Der Gründer des Stuttgarter Balletts feiert seinen 100. Geburtstag. "Unser Cranko" heißt die Hommage an John Cranko, die ab 9.Juli im Oernhaus aufgeführt wird. Choreograph Maurice Bejart wäre am 1.1.2027 ebenfalls 100 Jahre alt geworden. "Für Maurice" gibt es Choreographien von Maurice Bejart. Die Premiere am 4.Juni im Opernhaus. Last not least feiert Marcia Haydee ihren 90.Ehrentag am 18.4.2027. Für die Grande Dame des Stuttgarter Balletts ist für den 23.Juli 2027 eine große Gala im Opernhaus vorgesehen. .

 

Vier Ballettpremieren stehen in der zweiten Saisonhälfte auf dem Programm:

  • Modern Elegies (12.3.2027) - Choreographien von George Balanchine, Jiri Kylian und David Dawson,
  • Creations XVI-XIX (16.4.2027) - Uraufführungen von Nnamdi Nwagwu, Demis Volpi, Vittoria Girelli uns Sasha Repele   
  • Für Maurice (4.6.2027)
  • Unser Cranko (9.7.2027)
  • Dazu sind zehn Ballettabend (mit Onegin) im Repertoire.

Es versteht sich, dass auch der Intendant des Stuttgarter Balletts Tamas Detrich einen flammenden Appell an Stadt und Land richtet.  Detrich:   "Der Name Stuttgart ist überall in der Welt erfolgreich und von großer Bedeutung. Wir brauchen Kultur für unsere Kultur in Stuttgart."

 

Fürs Schauspiel gibt Intendant Burkhard C. Kosminski die Richtung vor: "Die Spielzeit 2026/27 stellt die Frage nach dem Handeln von Menschen in schwierigen Zeiten. Das geht mitunter nicht ohne zu scheitern oder ohne Verlust." Aber in erster Linie braucht es dafür Mut.

Der Spielplan des Schauspiels:

Text und Foto Klaus Henrich

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