Am Ende wird alles, alles gut
Umjubelte Premiere an Stuttgarter Staatsoper bei Giacomo Puccinis Opernfragment Turandot. Langanhaltender und stehender Applaus für Solisten, Orchester unter Dirigent Valerio Galli und für die Regie von Anna-Sophie Mahler, eine Regiearbeit die am Ende Puccini und Richard Wagner vereint.
Zur Handlung: Die traumatisierte Prinzessin Turandot will nicht in den Stand der Ehe eintreten, will nicht Untertan eines Mannes werden. Folgerichtig hat sie sich mit einem sicheren Schutzwall von drei Rätseln umgeben. Nur wer alle Rätsel löst, darf Turandot freien. Wer scheitert, muss unters Fallbeil. Die Zahl der Enthaupteten bricht alle Rekorde. Die Menge wartet bereits ungeduldig auf das Ritual der Hinrichtungen.
Als der unbekannte und unbeirrbare Tartarenprinz Calaf zur Überraschung von Turandot alle drei Rätsel löst, scheint die Wende eingetreten. Doch Calaf gibt sich als Gentleman, eröffnet Turandot großzügig einen Ausweg. Wenn sie über Nacht Kenntnis von seinem Namen gewänne, brauchte sie ihn nicht zu heiraten.
Die Sklavin Liu kennt Turandots Namen. Als sie sich, um das Geheimnis nicht zu verraten, das Leben nimmt, bricht Puccinis letzte Oper ab. Der italienische Komponist erlag im November 1924 in Brüssel einem Kehlkopfkrebsleiden. Turandot blieb zunächst Fragment und wurde 1926 (25.April) an der Mailänder Scala uraufgeführt.
100 Jahre nach der Uraufführung, hat sich die Staatsoper Stuttgart und die Regisseurin Anna-Sophie Mahler gegen den posthum komponierten Schluss von Franco Alfano und für Richard Wagners Liebestod aus "Tristan und Isolde" entschieden. Weil es eben in Turandot nicht um Liebe als Synonym für eine romantische Paarbeziehung, sondern um Liebe als grundsätztliche, zentrale Kraft geht, die uns alle betrifft.
Anna-Sophie Mahler sagt dazu im Programmheft: "Eben weil Puccini nach einem Liebesbegriff suchte, der größer ist als das individuelle Glück, hatte er Schwierigkeiten mit dem Libretto, konnte es in der Form nicht in Musik setzen. Eine seiner letzten Notizen lautete: "Poi Tristano - dann Tristan." Darin lag für uns der Schlüssel für die Frage, wie wir mit dem Ende umgehen wollten. Wir haben entschieden, Puccini wörtlich zu nehmen. Im Liebestod in Wagners Tristan und Isolde vereint sich Liebe in fast kosmischer Weise. Sie geht in eine Weite über, die über das Leben hinaus und in den Tod hineinreicht. Wir haben geprüft, ob eine Verbindung musikalisch funktionieren könnte, und tatsächlich: Turandot endet nach den letzten Worten des Chores mit einem Es in der Piccoloflöte. Und Isoldes Liebestod beginnt mit einem Es in der Bassklarinette. Man kann mit einem langem Atemzug aus Turandot in Trsitan hinübergleiten. Für uns war klar: Wir brauchen am Ende dieses Stückes Hoffnung und eine Weite. Liebe steht für Empathie, für das Wiederempfinden, für Verbindung - das ist der große utopische Gedanke. Am Ende steht nur noch das Kind auf der Bühne. Dieses Kind kann die gegensätzlichen Sphären, für die Calaf und Turandot stehen, versöhnen. das ist ja das Schöne am Theater. Wir dürfen uns erträumen, dass Kinder kommen und sagen: Wir wollen, dass es anders ist."
Bis es soweit ist, muss der Zuschauer erstmal durch die Komplexität des Werkes hindurch. Es bildet im und nach dem ersten Weltkrieg und den frühen zwanziger Jahren mit Benito Mussolinis Marsch auf Rom 1922, eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs ab. Um was es Puccini in Turandot wirklich geht, kann man letztlich nicht beantworten, weil Puccini vorher gestorben ist. Was Pucchini wirklich interessierte, war die Transformation der Liebe von Turandot und Calaf. Man kann sich annähern, wie es die Regisseurin tut. Am Ende des Librettos nennt Turandot Calaf einfach Liebe. Aus einer privaten wird eine öffentliche Liebesgeschichte, die kosmische Züge aufweist.
Eine Welt, die nur scheinbar noch intakt ist, hat die Bühnenbildnerin Katrin Connan in drei Räume geteilt. Im oberen weißen Raum ist die Welt noch in Ordnung, darunter gibt es die Ebene der selten Erden, die für den Fortschritt alles untergräbt. Über den beiden Ebenen gibt es noch eine geheimnisvolle Dritte, aus der Turandot in einer Abrissbirne herabsteigt. Letztlich ist es der Übergang vom Menschlichen in ein Cyber-Dasein, in dem wir uns verlieren. Drohnen allerorten, überwachen und lenken die Massen. Die letzten Tage der Menschheit scheinen angebrochen.
Bleibt das Prinzip Hoffnung, das von der Sklavin Liu und dem kleinen Mädchen, der Dopplung Turandots, verkörpert wird. Das Mädchen, das zur Musik von Isoldes Liebestod allein zurückbleibt auf der Bühne, versöhnt die unterschiedlichen Sphären von Turandot und Calaf, steht für die Zuversicht auf eine bessere Welt. Getreu dem Brechtschen Motto: Es muss ein gutes Ende dasein, muss, muss, muss...
Beeindruckende Leistungen des Staatsorchesters, des Staatsopernchors, des Kinderchors der Staatsoper, der Statisterie der Staatsoper und der Sängerinnen und Sänger runden diese Inszenierung ab. Herausragend die drei Hauptdarsteller Ewa Vesin als Turandot, Diego Godoy als Calaf, sowie Esther Dierkes in ihrem Rollendebut als Liu.
Veronika Kienzle, ehrenamtliche Bezirksvorsteherin Stuttgart-Mitte, stellvertretend für viele der ca. 1800 Premierenbesucher: "Ich bin begeistert. Das war großes Musiktheater."
Weitere Aufführungen: 13./ 26./ 29. Juni: 5./ 8./ 18.Juli
Die Fotos zu Turandot
1.) Schlussbild Turandot: Im Tal der seldenen Erden: Turandot, Cadaf und das Mädchen
2.) Schlussapplaus mit Dirigent Valerio Galli und Solisten
3.) Schlussapplaus mit den drei Hauptdarstellern - Liu (Esther Dierkes), Cadaf (Diego Godoy), Turandot (Ewa Vesin)
4.) Bezirksvorsteherin Stuttgart-Mitte Veronika Kienzle bei der Premierenfeier
5.) Blumen fürs Rollendebut: Esther Dierkes (Liu) und Diego Godoy (Cadaf)
6.) Alle vereint bei der Premierenfeier: Staatsopernchor, Kinderchor der Staatsoper und Solisten
7.) Staatsoper vor Turandot
Fotos: Klaus Henrich
![]()
Klaus Henrich

