23. Dezember 2025 / Kultur

Eine Weihnachtsgeschichte Teil 4

Weihnachtsgeschichte Teil 4, zum Vorlesen

Veröffentlicht am 23. Dezember 2025 um 08:00 Uhr

Am nächsten Tage, also am 24. Dezember, dem Heiligen Abend, fing es nun doch ein wenig zu schneien an, sodass bald alles überzuckert war. Die Kinder blieben länger im Bett. Birgit und Thomas verpackten die wenigen Geschenke. Immer wieder schauten sie zu dem Sessel, in dem sich Ilona so gerne ausruhte, die Füße auf einen Hocker legte, nachdem sie alle eine Wanderung unternommen hatten. Ja, sie liebte diese hügelige Landschaft mit ihren verzweigten Wegen und dem Blick vom Turm des Schwarzen Grats auf die Umgebung bis zu den Alpen. Sie liebte sie bedingungslos, denn nicht einmal die Kuhglocken bei Nacht und der scharfe Kuhdung auf den Wiesen konnten sie stören. Die Eheleute taten sich schwer, ohne die Tante das Fest feiern zu sollen.

Dieses Jahr würde es sehr traurig, aber doch auch schön werden, zumal ihnen die Last der Sorgen genommen wurde. Immer wieder sprachen sie von Ilona, der fröhlichen, weitgereisten und lebenserfahrenen Frau, die jederzeit Hilfe anbot, und die nun aus ihrer Ewigkeit heraus ihnen mit ihren Schwierigkeiten ein Ende bereitet hatte. Leider konnten sie sich nicht einmal mehr für diese wunderbar großzügige Geste bedanken.

Den Tag verbrachte die Familie in Ruhe und im Gedenken. Während Birgit mancherlei zu tun hatte, lasen Thomas und die Kinder. Der Vater saß, in die Zeitung vertieft, am Tisch. Max hatte sich quer über das Sofa gelegt mit einem Actionkrimi in der Hand. Hanna kuschelte mit ihrem Buch in einem Sessel.

Ilona hatte die Familie stets ermahnt: „Ihr müsst lesen. Lesen bildet. Wer nicht liest, geht so ziemlich an allem im Leben vorbei. Die Themen müssen unterschiedlicher Art sein, denn erst so kann man feststellen, was einen interessiert, was zu einem passt.“ Deshalb hatte sie als Mitbringsel jederzeit einen Stapel Bücher unter dem Arm, den sie dann altersentsprechend verteilte.

So kam Max beispielsweise auch zur Feuerwehr, weil er ein Buch darüber gelesen hatte, wie man sich im sozialen Bereich ehrenamtlich und kameradschaftlich betätigen könne. Dank Ilona schmökerten sie alle gern, hörten leise Musik nebenher. Im Fernsehen kamen Weihnachtslieder, die sie gern mitsangen und endlich standen Geflügelsalat, Toastbrot und Butter auf dem Tisch. Es konnte gegessen werden.

Danach wurden die Kerzen angezündet und die Geschenke übergeben, nicht ohne die Choräle des Weihnachtsoratoriums von Bach. Es kam aber keine große Freude auf, da der Schock des gestrigen Abends allen noch in den Gliedern saß. So war die Begeisterung von Max über einen neuen Anorak in Grenzen. Hanna hielt ihre Dankbarkeit über den Gutschein, mit der Klasse im Mai nach Wien reisen zu dürfen, fast schamvoll zurück, obwohl es doch ihr größter Wunsch war.

Es war sehr kalt geworden. Dick vermummt machte sich Thomas mit den Seinen auf den Weg zur kleinen, alten Kirche den Hügel hinauf. Die Glocken läuteten durch das Tal, riefen die Menschen zum Gottesdienst und kündeten von der Geburt Jesu. Von den Weilern, über einige Kilometer, aber natürlich auch aus dem Ort, kamen die Christen mit dem Auto oder zu Fuß, um an der Christmette teilzunehmen. Viele kannten sich, begrüßten sich, wünschten sich ein frohes Fest. Thomas kniete in der Bank, hatte den Kopf in die Hände gestützt, hatte den Glauben an Gott längst verloren, aber in dieser Nacht, in dieser Stunde wollte er seine Dankbarkeit kundtun – und vielleicht gab es ja doch einen guten Gott, an den so viele Menschen glaubten.

Birgit war bei dem Lied ‚Großer Gott, wir loben dich‘ dem Weinen nahe, sandte ihre Gedanken an die gestern verstorbene Tante und bedankte sich bei ihr für all die Liebe, Großzügigkeit und Freude, die sie als Nichte empfangen durfte.

Hanna wartete auf das Ende der Messe. Sie fror, weil sie wieder einmal zu eitel war, sich wärmer anzuziehen.

Und Max erwärmte sich an dem Gefühl, dass sein Führerschein auf jeden Fall bezahlt werden würde. ....

Fortsetzung morgen

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