Eine Weihnachtsgeschichte
In dem kleinen Allgäuer Tal lag für die Weihnachtszeit noch nicht genug Schnee, aber auf den Berggipfeln glänzte er, wenn die Sonne schien. Thomas und Birgit machten einen kurzen Spaziergang durch die von Tannenduft würzige Luft. Sohn Max war mit dem Fahrrad unterwegs bei seinem Freund Markus, während sich Hanna bei den Eltern aufhielt. Sie warf immer wieder einmal einen Schneeball auf den Rücken von Vater oder Mutter und lachte dazu. Da es dunkelte, in den Vorgärten der Bauernhöfe Kerzengirlanden aufleuchteten, wurde es Zeit, nach Hause zu gehen.
Bald zog der Bratenduft einer Weihnachtsgans für die Feiertage durch die Wohnung. Nachdem Max sein Fahrrad in den Keller gestellt hatte, war auch er nun bereit, mit dem Vater den Christbaum zu schmücken. Die Mutter hatte den ganzen Schmuck schon in den Kartons auf den Tisch gestellt. Jetzt ging es munter drauflos bis hin zur silbernen Glöckchen-Spitze. Weil sie so schön duften, hatte der Vater beizeiten Honigkerzen gekauft. Dunkelrote, große Kugeln befestigten Vater und Sohn an den Tannenzweigen. Hier und da prangten kleine, teils farbige Gegenstände aus Holz. Die vierzehnjährige Hanna liebte sie besonders: die Schlitten mit Bären oder die Vogelhäuschen mit den gefiederten Sängern bis hin zu einem winzigen Zug aus bunten Waggons.
Es war der dreiundzwanzigste Dezember, der Tag vor Weihnachten. Wie all die Jahre, wurde Tante Ilona erwartet, die Schwester von Birgits Mutter, die seit Jahrzehnten in Kempten lebte und ihren Mann Peter, der Bankdirektor in der Stadt gewesen war, schon lange verloren hatte. Ilona war Studienrätin am Gymnasium, unterrichtete die Fächer Deutsch, Geographie und Geschichte. Sie hatte dort täglich mit den Schwierig-keiten von Kindern und Heranwachsenden zu tun, sodass dem Ehepaar eigene Kinder nicht so offensichtlich fehlten. Vielleicht aber hing Ilona deshalb sehr an ihrer Nichte und deren Familie. Wie immer würde auch an diesem Tage ein Taxi vorfahren und dessen Chauffeur würde Ilona mitsamt ihren Weihnachtsgeschenken und einem Übernachtungskoffer behilflich sein. Obwohl Kempten nur eine halbe Autostunde von dem stillen Tal entfernt ist, fanden es alle schöner, wenn sich Ilona für mehr als nur einen Tag bei ihnen einnistete. Sie hatte ihr Zimmer für sich und konnte sich auch zurückziehen, wenn ihr danach zumute war. Sie war jedoch eine fröhliche, gebildete Frau und nahm mit Freuden am Leben der Verwandten teil. Mit ihrem Mann Peter hatte sie fast die ganze Welt bereist und konnte von spannenden Erlebnissen berichten. .....
Fortsetzung folgt morgen

