Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Und jeder geht zufrieden aus dem Haus. Frei nach Johann Wolfgang von Goethe ist das wohl das Motto der Staatsoper Stuttgart, die mit "Station Paradiso" eine Mixtape Oper von Sara Glojnaric auf die Bühne bringt. Die Mixtape-Oper als neue Gattung des Musiktheaters? Das Premierenpublikum spendet jedenfalls großen Beifall.
Aber was ist eine Mixtape Oper? Kein Musiktheater, keine Oper im herkömmlichen Sinn, auch kein Singspiel, kein Musikdrama oder lyrisches Drama. Ist es am Ende nur ein Fragment der Oper? Oder besser ein Projekt?
Die kroatische Komponistin Sara Gloijnaric (35) versucht im Programmheft die Definition der Mixtape-Oper: "Musik als Erinnerung, Überlebensstrategie und als Möglicheit, sich in der Welt zu verorten. In Station Paradiso betrachte ich Musik als ein Artefakt, als eine Zeitkapsel, die ein ganzes Leben an Erinnerungen, Ritualen, Sprachen und Geschichten in sich trägt. Mich interessiert, welche Formen von Geschichte sich in alten Schränken bewahren, in einer LP-Hülle, einer Kassette oder einer alten CD - Objekte, die still und leise Jahrzehnte voller Nostalgie, Tragik und dem Leben dazwischen in sich tragen."
Ausgangspunkt des Projekts war die Entdeckung einer alten Kassette im Stadtpalais Stuttgart, auf der man eine ältere Großmutter singen hört, während im Hintergrund die Familienfeier steigt. Beim Zuhören wurde der Komponistin klar, dass diese Aufnahmen mehr waren, sie waren die Sprachnachrichten der 70er Jahre. Ein Stück Zeitgeschichte. Die Zeithistorikerin war geboren, Glojnaric wollte noch mehr solcher Kassetten ausfindig machen. In vielen Interviews, in denen die Beteiligten ihre Musik mitbrachten, ihre persönlichen Geschichten erzählten, erwuchs eine Produktion oder Mixtape-Oper aus dem langen Prozess des Zuhörens. Was die Geschichten verbindet, ist die Geschichte der Arbeits(-Migration) der 50er, 60er und 70er Jahre nach Deutschland.
Die Gespräche bildeten die Grundlage, auf der die Librettistiin Tanja Sljivar den Text der Mixtape-Oper entwickelte.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Neun Menschen warten am Busbahnhof Stuttgart, von S21 zwischenzeitlich gefressen, auf die Fahrt nach Napoli. Der Busfahrer, der glänzende Bassist Goran Juric, erklärt seine Fahrgästen: Ein Ticket gegen einen Song.
Und schon geht eine illustre neunköpfige Reisegesellschaft auf Zeitreise über die ehemalige Europastraße 5 (E 5) nach Napoli. Über Slawonien, die Türkei, über Rasthöfe und Grenzen wieder zurück nach Stuttgart. Alle auf der Suche nach Heimat
An Bord des blauen Busses eine Braut aus dem Balkan (Josefin Feiler), eine Mischung aus Sehnsucht, Trotz und verletzlicher Hoffnung. Der in Stuttgart geborene Neapolitaner (Joseph Tancredi), der als Single eher zurückhaltend bis schüchtern ist. Die süditalienischen Mutter (Stine Marie Fischer), die als junge Frau nach Deutschland kommt und jetzt Rentnerin ist. Ihre politisch gebildete und wortgewandte süditalienische Tochter (Martina Mikelic), die sich stark für die Rechte von Migranten engagiert und mit der Mama häufig im Clinch liegt. Der in Anatolien geborene, romantisch traurige türkische Vater (Matthias Klink). Die im anatolischen Hinterland geborene rebellische, türkische Tochter (Fanie Antonelou), die bereits mit 16 Jahren mit ihrer Familie bricht. Der Yugo-Vater (Andrew Bogard) aus Ex-Jugoslawien, der in einem Stuttgarter Pflegeheim lebt. Und die in Deutschland geborene Yugo-Tochter (Diana Haller), als Stimme der kritischen Reflexion, ein Moralkompass. Last not least der Chor der Tanten Mari(j)as (Martina Mikelic, Carola Wilson, Loretta Petti), die zum kollektiven Gedächtnis der Passagiere gehören, sind Stimme der Herkunft und zugleich die Vorstellung des verlorenen Paradieses.
Glänzende Sängerinnen und Sänger, ein von Peter Rundel brillant dirigiertes und aufspielendes Staatsorchester eine perfekte Regie von Anika Rutkofsky, runden einen Projekt-Abend der besonderen Art ab.
Ein Projekt, das nie zu Ende ist. Und doch auf besserem Weg ist, als es Komponistin und Librettistin wohl selbst geglaubt haben. Heute wird im Baden-Württembergischen Landtag, vis-a-vis der Staatsoper, Cem Özdemir (60), Kind von türkischen Einwanderer, zum ersten Ministerpräsidenten mit Migrationshintergrund gewählt werden. Was dokumentiert, dass die Erfahrungen von Migranten in der schwäbischen Diaspora der ersten, zweiten und dritten Generation doch nicht so schlecht gewesen sein können, dass Integration, Identität und Selbstfindung bei vielen (Arbeits-)Migranten doch besser waren, als es Station Paradiso Glauben machen will.
Aber wie gesagt, Station Paradiso ist als Projekt zu verstehen.
Weitere Aufführungen: 14.5.,17.5.,24.5.,1.6.,6.6.,11.6.
Klaus Henrich
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