Kolumne: Jazz Open Stuttgart – Wenn das Sehen und Gesehenwerden lauter wird als die Musik
Die weißen Zelte, die Logen und die Tribünenlogen auf dem Schlossplatz sind längst mehr als nur Kulissen für die Jazzopen Stuttgart. Sie sind Treffpunkte, Schaufenster und gesellschaftliche Bühnen. Hier trifft sich Stuttgart – oder zumindest jener Teil der Stadt, der sich gerne zeigt. Bei einem Glas Wein, einem guten Essen und angeregten Gesprächen lässt sich der besondere Moment genießen. Doch manchmal stellt sich die Frage: Geht es eigentlich noch um die Musik – oder vor allem darum, dabei zu sein?
Die Jazz Open ist längst auch ein gesellschaftliches Ereignis. Die weißen Zelte, die Logen und die Tribünenlogen gehören für viele Besucher zum Erlebnis dazu. Sie stehen für Komfort, Exklusivität und das Gefühl, einen besonderen Abend an einem besonderen Ort zu verbringen. Sehen und gesehen werden gehört dabei fast ebenso zur Tradition wie die Musik selbst.
Die Eintrittskarte ist gekauft, der Platz gesichert, die Atmosphäre stimmt. Man kennt vielleicht den Namen des Hauptacts – vielleicht aber auch nicht. „Wer spielt denn heute eigentlich?“ ist keine seltene Frage an einem Abend, an dem internationale Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne stehen. Musiker, die weltweit Erfolge feiern, Preise gewonnen haben und seit Jahren ihr Publikum begeistern – und trotzdem manchen Gästen zunächst unbekannt erscheinen.
Doch dann passiert das Überraschende: Die ersten Töne erklingen, die Band liefert eine starke Performance, die Stimme überzeugt – und plötzlich ist der vermeintlich unbekannte Künstler gar nicht mehr unbekannt. Die Begeisterung wächst, die Stimmung steigt. Fast könnte man meinen, die größte Überraschung des Abends ist nicht die musikalische Darbietung, sondern die Erkenntnis, dass man sich vielleicht vorher hätte informieren können.
Natürlich lebt ein Festival wie die Jazz Open auch von seiner besonderen Atmosphäre. Es geht um Begegnungen, Gespräche, Genuss und das gemeinsame Erlebnis. Die Veranstalter schaffen mit großem Aufwand einen Rahmen, der weit über das reine Konzert hinausgeht. Die weißen Zelte, die Logen und Tribünenlogen sind Teil dieses Konzepts – und wer diese besondere Form des Festivalbesuchs wählt, bezahlt selbstverständlich auch für diese Annehmlichkeiten.
Doch die Frage darf gestellt werden: Ist die Musik noch der Mittelpunkt oder wird sie manchmal zur stilvollen Begleiterscheinung eines gesellschaftlichen Treffens? Wird die Karte gekauft, weil man einen bestimmten Künstler erleben möchte – oder weil die Jazz Open einfach der Ort ist, an dem man an diesem Abend sein möchte?
Denn eines darf nicht vergessen werden: Ein Festival lebt nicht allein von seinen exklusiven Bereichen. Die eigentliche Energie eines Konzerts entsteht durch das Publikum vor der Bühne – durch Menschen, die jeden Song feiern, mitsingen, tanzen und den Künstlern jene Leidenschaft zurückgeben, die einen Live-Abend unvergesslich macht. Diese Begeisterung kann keine Loge und kein VIP-Paket ersetzen.

Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, den Blick wieder etwas stärker auf die Künstler zu richten. Nicht nur auf den Platz, den man gebucht hat, die Gesellschaft, mit der man dort sitzt, oder die Frage, wer ebenfalls anwesend ist. Sondern auf die Musik selbst.
Denn wahre Wertschätzung beginnt nicht beim Preis der Eintrittskarte und nicht beim exklusiven Zugang zu den weißen Zelten, Logen oder Tribünenlogen. Sie beginnt mit Interesse, Neugier und der Bereitschaft, sich auf neue musikalische Erfahrungen einzulassen.
Am Ende bleibt eine kleine Ironie: Manche kommen, um gesehen zu werden – und gehen begeistert nach Hause, weil sie tatsächlich etwas Interessantes gehört haben.
Vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis eines Festivals: Die Musik gewinnt am Ende immer.
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M.C.Alten-Siegl
Fotocredits: Ralf Alten / Facebook

