Heiko Maile wurde am 12. Januar 1966 in Australien geboren und kam im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Die Familie lebte zuerst in Schwäbisch Hall und dann in Bietigheim-Bissingen. Dort ging er auch zur Schule und gründete im Jahr 1983 zusammen mit Marcus Meyn, Oliver Kreyssig und Martin Kähling die Synthie-Pop-Band Camouflage. Ab dem Jahr 1984 wurde aus dem Quartett ein Trio, welches drei Jahre später mit dem Song „The Great Commandment“ einen Welthit landete. 1989 folgte der zweite große Hit „Love is a shield“. Innerhalb der Band fungiert Maile als Komponist, Keyboarder und Produzent. Neben diesen Tätigkeiten arbeitet er seit Jahren auch als Komponist für Kinofilme und Werbeclips. Unteranderem schrieb er die Musik für Filme wie „Die Welle“, Wir sind die Nacht“, Türkisch für Anfänger“ oder „Winnetou - Die Legende lebt“. Maile lebt aktuell in Stuttgart.
Heiko, Du wurdest 1966 in Bankstown, im Bezirk Sydney in Australien geboren. Was hat dich dann in die schwäbische Provinz nach Bietigheim-Bissingen verschlagen?
Heiko Maile: Es gab damals ein Einwanderungsprogramm in Australien. Da wurden junge Paare und Familien eingeladen, dorthin zu ziehen - was meine Eltern gemacht haben. Nachdem ich in Australien geboren wurde, bekamen meine Eltern aber starkes Heimweg und sind dann wieder nach Deutschland gezogen - genauer gesagt in die Nähe von Schwäbisch Hall und 1972 dann nach Bietigheim-Bissingen. Dort habe ich dann auch meinen späteren Bandkollegen Oliver Kreyssig auf der Hillerschule kennengelernt.
Wie wurde dann im Jahr 1983 Camouflage gegründet?
Das war eigentlich so ein schleichender Prozess. Wir dachten damals immer, wir könnten ja mal einen Song schreiben. Und dann kam diese New-Wave-Welle und hat uns wahnsinnig beeindruckt - sowas wollten wir auch mal probieren. Dazu kam noch, dass die damaligen Synthesizer immer erschwinglicher wurden. Natürlich war für uns so ein Ding immer noch teuer, aber man konnte sie wenigstens kaufen. Ja und dann haben wir gedacht, vielleicht sollten wir das auch mal probieren und das war so der Anfang … wir haben es einfach versucht. Den Namen Camouflage hatten wir damals aber noch nicht auf dem Schirm, sondern hießen Licensed Technology. Das konnte sich aber irgendwie niemand merken (lacht). 1984 spielten wir dann unser erstes Konzert auf einer Privatparty unter diesem Namen - da haben wir uns das erste Mal getraut, vor Publikum aufzutreten. Und wenige Monate später schlug ich den Namen Camouflage vor. So heisst auch ein Song einer meiner Lieblingsbands: Yellow Magic Orchestra. Und wir fanden den eigentlich dann ziemlich passend und cool, weil Camouflage so viele Bedeutungen gleichzeitig hat. Kurze Zeit später, im Sommer 1984, hatten wir einen Auftritt in der Aula im Gymnasium in Bietigheim-Bissingen - da hießen wir dann schon Camouflage.
Und dann kam das Jahr 1987. Da hattet ihr - als Trio - Euren ersten großen Hit, nämlich „The Great Commandment“. Der war mega erfolgreich und landete auf Platz 1 der US Billboard Charts, was bis dahin nur Falco und Nena mit „deutscher“ Musik gelungen ist. Wie hast du diesen gigantischen Erfolg damals emotional erlebt und verarbeitet?
Ja, da gab es natürlich viel zu verarbeiten, aber wir hatten auch immer das Glück, dass wir zu dritt waren und uns stets gegenseitig geerdet haben. Wenn einem von uns der Erfolg mal ein bißchen zu Kopf gestiegen ist, dann gab es immer noch zwei andere, die dafür gesorgt haben, dass er wieder auf dem Boden steht. Und vieles kam auch erst so im Nachhinein - wir hatten damals kaum Zeit, uns große Gedanken über den Erfolg zu machen. Tatsächlich fanden für uns damals die größten Schwierigkeiten in unserem Privatleben und Freundeskreis statt. Die hatten natürlich wenig Verständnis für unsere Pop-Star-Probleme, wie dass wir morgens sehr für zum Flughafen mussten oder so (lacht). Aber wir haben das dann, glaube ich, ganz gut hinbekommen.
Wie geht man als Künstler damit um, wenn man schon sehr früh so einen Song wie „The Great Commandment“ erschafft, der alles überstrahlt?
Das ist wirklich eine schwierige Lektion, weil es natürlich so ist, dass bei uns jeder Song, den wir veröffentlichen, diese Hürde nehmen muss, allen drei Bandmitglieder zu gefallen. Das heißt, wir haben schon mal ein Grundverständnis und einen Glauben an die Musik, die wir machen. Es ist aber im Nachhinein sehr schwer zu erklären, warum der eine Song jetzt funktioniert hat und der andere nicht. Natürlich gibt es gewisse Merkmale, an denen man das ein bißchen festmachen kann, aber so richtig erklären kann man es nicht. Und wenn einem das bewusst wird, hilft es einem zwar nicht in der Planung, so einen Hit zu wiederholen, aber es hilft dabei, das Ganze etwas zu relativieren. Fleiß und Können spielen eine große Rolle, aber natürlich auch Glück und der richtige Zeitpunkt.
1989 folgte dann der Song „Love is a shield“ der ähnlich erfolgreich war. Danach wurde es ruhig um Camouflage. Was glaubst du, warum konntet ihr nicht mehr an die alte Erfolge anknüpfen?
Wir haben damals sicherlich Fehler gemacht, beispielsweise der musikalische Kurswechsel auf dem dritten Album „Meanwhile“. Darauf waren Songs, die anders klangen, weil wir akustische Instrumente benutzt haben. Aber im Nachhinein würde ich behaupten, dass uns alle Türen der Welt offen gestanden wären, wenn das dritte Album genauso erfolgreich gewesen wäre wie das zweite und das erste Album. Und klar, als die Plattenfirmen hat dann gemerkt, dass auf „Meanwhile“ kein Song wie „Love is a shield“ drauf war, da war dann für die die Luft raus und man hat uns den Stecker gezogen. Das sind halt Sachen, die muss man im Musikbusiness lernen. Wir waren noch nie eine Maschine, die immer das Gleiche machen wollte oder konnte.
Im Jahr 2023 habt ihr mit Camouflage Euer 40-jähriges Bandjubiläum gefeiert. Es kam ein neues Album raus, aber die geplante Tor musste aus diversen Gründen auf 2024 verschoben werden. Und auch in diesem Jahr wird es einige Konzerte geben … wenn man sich aber mal den Titel des Albums und der Tour anschaut - dieser lautet „Rewind to the Future and Goodbye“ - dann klingt dieser sehr nach dem Ende von Camouflage …
Genau. Also für mich ist es das auch. Ich nenne es immer den Beginn des letzten Kapitels, ohne das jetzt so genau auf den Punkt zu definieren. Wir wollten für das Album und die Tour auch nicht einfach einen so gewöhnlichen Titel wie „Goodbye“, „Farewell“ oder „The last chapter“ nehmen. Das Konzept von „Rewind to the Future“ ist so gedacht, dass wir uns zurückversetzen zu unseren Anfängen und auf unsere Zukunft schauen. Das heisst, wir spielen alte Songs im neuen Gewand oder neue Songs im älteren Gewand. Und das „Goodbye“ war sozusagen einfach nochmal eine Message, dass es gut sein kann, dass dies vielleicht unsere letzte Tour sein könnte.
Du lebst heute in Stuttgart. Wenn du an Bietigheim-Bissingen zurück denkst, was verbindest du noch mit der Stadt?
Ganz klar: meine Jugend. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen und hatte dort meine Familie und meinen Freundeskreis. Eigentlich sind alle wichtigen Ereignisse aus dieser Zeit in Bietigheim-Bissingen passiert. Nicht zu vergessen die Gründung von Camouflage - was ja bis heute ein sehr wichtiger Teil meines Lebens ist.
Gibt es für dich einen Lieblingsplatz in der Stadt, den du uns nennen könntest?
Es gibt einen „magischen“ Platz in Bietigheim-Bissingen, der für mich und für uns als Band sehr wichtig ist: Das ist der Grill- und Spielplatz Eselshütte, oberhalb von Metterzimmern. Damals habe ich dort in der Nähe gewohnt und da wurde von dem Fotograf Reiner Pfisterer auch das erste Bandfoto gemacht, welches wir als Cover für unsere erste Demokassette benutzten. Sowas verbindet einen natürlich mit einem Ort. Diesen Grillplatz gibt es heute übrigens immer noch.
Boris Mönnich
Fotocredit Boris Mönnich

