Nun steht also das Jahr 2031 im Raum. Denn so lange soll es angeblich, vermutlich und schätzungsweise noch dauern, bis Stuttgart 21 vollständig fertiggestellt ist.
Die Reaktionen darauf bewegen sich in der Landeshauptstadt irgendwo zwischen Resignation und Schulterzucken. Wirklich überrascht wirkt jedenfalls kaum noch jemand. Schließlich gehört die Nachricht „Stuttgart 21 verzögert sich“ inzwischen ungefähr so fest zum Stuttgarter Alltag wie die erste Baustelle nach den Sommerferien oder die Frage, warum die S-Bahn schon wieder nicht fährt.
Dabei wird die ganze Debatte viel zu kompliziert geführt. Die Lösung ist denkbar einfach: Man benennt das Projekt um. Aus Stuttgart 21 wird Stuttgart 31. Schon stimmt der Name wieder mit dem geplanten Fertigstellungstermin überein, und aus einer jahrelangen Verzögerung wird plötzlich ein Erfolg. Man muss die Dinge eben nur richtig verkaufen.
Die „21“ stammt schließlich aus einer Zeit, in der man noch glaubte, der neue Bahnhof würde tatsächlich im frühen 21. Jahrhundert Realität werden. Damals waren Smartphones eine Neuheit, soziale Medien noch keine Vollzeitbeschäftigung und die Vorstellung, dass ein Großprojekt länger dauern könnte als geplant, galt als reine Theorie. Heute wirkt die Zahl 21 eher wie eine historische Erinnerung an eine besonders optimistische Epoche.
Überhaupt sollte man Stuttgart 21 nicht länger als Bauprojekt betrachten. Dafür läuft die Geschichte inzwischen viel zu lange. Stuttgart 21 ist ein Generationenprojekt. Manche Menschen haben den ersten Spatenstich verfolgt und gehen inzwischen auf die Rente zu. Andere sind geboren worden, als gebaut wurde, und werden möglicherweise ihren Führerschein machen, bevor alles fertig ist. Es gibt Jugendliche, die nie einen Stuttgarter Hauptbahnhof ohne Bauzäune gesehen haben.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Leistung des Projekts. Wo sonst gelingt es, mehrere Generationen durch ein gemeinsames Thema zu verbinden? Während andere Städte Sehenswürdigkeiten haben, besitzt Stuttgart eine Baustelle mit Tradition. Das Kolosseum wurde gebaut, der Eiffelturm wurde gebaut – Stuttgart 21 wird gebaut.
Und wer weiß: Vielleicht erleben wir 2031 tatsächlich die große Fertigstellung. Falls nicht, sollte man rechtzeitig vorsorgen. Stuttgart 41 klingt schließlich auch nicht schlecht. Und mit etwas Glück wäre man dann sogar wieder voll im Zeitplan. Der Name Stuttgart 51 würde aber wohl auch niemanden mehr überraschen!
Boris Mönnich
Fotocredits: Bild KI generiert

