Das Jüngste Ger(i)ücht - Wenn Bruder Christophorus von seiner Wolke steigt
Am Vormittag des 21. Februar verwandelte sich die historische Alte Kelter in Fellbach einmal mehr in ein politisch-satirisches Epizentrum: Bei der mittlerweile 14. Fastenprdigt „Das Jüngste Ger(i)ücht“ begeisterte Kabarettist Christoph Sonntag sein Publikum mit einem pointierten Mix aus Humor, politischer Kritik und regionaler Lebensart - der schwäbischen Version des bayerischen Derbleckens.
Schon vor der offiziellen Aufzeichnung, die wie jedes Jahr für das SWR-Fernsehen produziert wird, brachte Sonntag seine Gäste mit einem kurzen Warm-up in Stimmung – ein Vorgeschmack auf das, was folgen sollte.
Tradition trifft politische Satire
In seiner Paraderolle als Bruder Christophorus nahm Sonntag die politischen Ereignisse des vergangenen Jahres ebenso aufs Korn wie aktuelle gesellschaftliche Themen. Dabei scheute er sich nicht, auch hochrangige Persönlichkeiten aus Landes- und Bundespolitikhumorvoll zu adressieren.
Einer der Höhepunkte des Tages war der traditionelle Fassanstich, durchgeführt vom scheidenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gemeinsam mit seiner Frau, der mit viel Applaus und Gelächter begleitet wurde – zehn Schläge waren nötig, bis der goldene Gerstensaft floss. Ein stimmungsvoller Auftakt für die Fastenpredigt.

Sonntag spielte die Veranstaltung in diesem Jahr bewusst als eine Art Abschiedsparty für Kretschmann, mit einer fiktiven Rahmenhandlung, die den Alltag des Ministerpräsidenten („Wohnzimmer in Laiz“) zum Schauplatz politischer Satire machte. Begleitet wurde er dabei von einem lebhaften Ensemble - den Kabarettisten Doris Reichenauer, Elsbeth Gscheidle, Martina Brandl und Thomas Schreckenberg sowie Zauberkünstler Thorsten Strotmann.
„Wie immer habe ich meine Fastenpredigt über Wochen geschrieben“, verriet Christoph Sonntag nach der Aufzeichnung. „Und gestern hat sich dann gezeigt, dass ich 10 Minuten kürzen muss - wie immer. Das kostet mich jedes Mal den letzten Nerv, weil der Kopf sowas ja nicht einfach streicht, wie ein Computer!“

Politische Gäste, bissige Pointen
Zahlreiche Politiker waren persönlich vor Ort und sorgten für spürbare politische Präsenz im Saal. Neben Kretschmann begrüßte das Publikum unter anderem Manuel Hagel (CDU) und Cem Özdemir (Grüne), den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, Innenminister Thomas Strobl, die trotz paralleler Parteiveranstaltungen Zeit für den Besuch fanden. Sonntag nutzte die prominenten Gäste geschickt für satirische Seitenhiebe: Er spielte mit Alltagsklischees, politischen Klatsch- und Machtspielen und kommentierte, mit spitzer Zunge und Augenzwinkern, aktuelle politische Konstellationen.
Ein wiederkehrender Appell am Ende der Fastenpredigt war zudem die Beteiligung an der bevorstehenden Landtagswahl: Sonntag ermunterte das Publikum unter großem Applaus, mit klarem Bewusstsein zur Wahl zu gehen. Einen Wunschkandidaten für das Amt des künftigen Ministerpräsidenten hat Christoph Sonntag nicht:
„Für mich gewinnen beiden - sowohl Cem Özdemir als auch Manuel Hagel. Denn es geht ja eigentlich nur noch um die Frage: Wer wird Minister unter wem?“
Kulinarik und regionale Identität
Zum satirischen Programm gehörte auch der kulinarische Teil: Die Gäste wurden mit herzhaften schwäbischen Spezialitäten wie Gaisburger Marsch und lokalem Wein vom Remstal verwöhnt – ein Tribut an die regionale Kultur, der mit viel Gelächter und Genuss aufgenommen wurde.

Kultstatus und Zukunft
Was vor über einem Jahrzehnt in der Alten Kelter begann, hat sich längst über die Grenzen des Remstals hinaus etabliert: Die jährliche Veranstaltung zählt zu den satirischen Kultformaten der Region und wird vom SWR bundesweit ausgestrahlt. Sie verbindet politisches Kabarett mit traditioneller Fasten- und Starkbierkultur – eine Mischung, die Publikum und Kritiker gleichermaßen schätzen.
Boris Mönnich
Fotocredits: Boris Mönnich Candumedia / Ralf Alten Stuttgart Inside

