Kolumne: Galopp in die Peinlichkeit
Neulich hab ich auf YouTube etwas gesehen, das ich erst für eine Szene aus einem Kindergeburtstag hielt: Teenager galoppierten über die Wiese, sprangen über Hindernisse und wieherten begeistert – allerdings ohne Pferde. Nur mit Stecken, auf dem ein Pferdekopf aus Holz saß, zwischen den Beinen.Willkommen in der Welt des Hobby-Horsing, dem Sport für alle, die gern reiten würden, aber den Stallgeruch scheuen.

Anfangs denkt man ja, das sei Satire. Menschen – auch Erwachsene – die mit Holzpferdchen Dressur reiten? Gibt’s doch gar nicht! Doch dann schaut man genauer hin – und merkt: Ja, diese Leute meinen das wirklich ernst. Da wird galoppiert, pariert, gestreichelt und benotet. Es gibt Wettbewerbe, Punktrichter und vermutlich irgendwo auch einen Schmied für abgenutzte Gummihufe, die eigentlich Füße sind.
Was irritiert, ist weniger die Bewegung an sich, sondern der todernste Ehrgeiz, mit dem diese Steckenpferdreiterei betrieben wird. Da wird von „Leistungssport“ gesprochen, als ginge es um Olympia, und in Social-Media-Videos werden Trainingsroutinen geteilt, die aussehen wie eine Mischung aus Ballettprobe und Kinderzimmer-Delirium. Der Anspruch, das Ganze als legitime Sportart zu etablieren, wirkt dabei so bemüht, dass man fast Mitleid bekommt – oder eine leichte Gänsehaut.
Natürlich könnte man jetzt sagen: „Na und? Sollen sie doch!“ – aber genau das ist das Problem. Wenn alles, was jemand mit Inbrunst betreibt, automatisch ernst genommen werden muss, landen wir irgendwann bei Weltmeisterschaften im Kuscheltiersortieren. Vielleicht wäre es also gar nicht so schlimm, das Hobby-Horsing einfach das sein zu lassen, was es ist: ein ulkiges Freizeitvergnügen mit hohem Fremdschamfaktor – und kein Manifest moderner Selbstverwirklichung.
Aber Achtung: Hobby-Horsing ist erst der Anfang des Wahnsinns ... genauso peinlich ist Hobby-Dogging. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.
Boris Mönnich
Fotocredits Adope / Instagram

