26. September 2025 / Aus aller Welt

Seesterne und Krabben bewohnen Weltkriegsmunition in Ostsee

Trotz giftiger Chemikalien wie TNT sind Bombenreste in der Ostsee Lebensraum für viele Meeresbewohner. Das zeigt eine Studie in der Lübecker Bucht. Doch die Weltkriegsmunition soll verschwinden.

Mit Hilfe von Video-Aufzeichnungen entdeckten die Forscher unter anderen Seesterne auf den Munitionsresten (Symbolbild).
Veröffentlicht am 26. September 2025 um 07:00 Uhr

Seesterne, Krabben, Würmer: Auf während des Zweiten Weltkriegs entsorgten Munitionsteilen in der Ostsee leben auffällig viele Meeresbewohner. Sogar mehr als in den umgebenden Sedimenten, wie eine Studie in der Lübecker Bucht zeigt. «Das Interessante ist, dass es so viele Tiere gibt - das haben wir nicht erwartet», sagte Andrey Vedenin vom Forschungsinstitut Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven der Deutschen Presse-Agentur.

Etwa 43.000 Individuen pro Quadratmeter - überwiegend Würmer - hatten die Forscher auf Sprengköpfen von V1-Marschflugkörpern nachgewiesen, wie ein Team um den Meeresbiologen im Fachjournal «Communications Earth & Environment» schreibt. Die Tiere fühlen sich demnach auf dem harten Material wohl. In den umgebenden Sedimenten lebten etwa 8.200 Individuen pro Quadratmeter. Beteiligt an der Studie waren auch Forschende vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar) sowie vom Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven. 

Forscher-Team analysierte Videos 

Das Team hatte im Oktober 2024 mit einem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug in der Lübecker Bucht ein neu entdecktes Munitionsablagerungsgebiet in rund 20 Metern Tiefe untersucht. Die Analysen der Video-Aufnahmen aus einer hochauflösenden Kamera fanden auf den Sprengköpfen mit insgesamt acht Spezies allerdings keine sehr große Artenvielfalt, wie der Biologe Vedenin betonte. 

Zu den gefundenen Tieren zählen Seesterne, Seenelken, Krabben und Würmer - «typische, normale Ostsee-Organismen, die aber in solcher Dichte und Menge hier sonst nicht vorkommen», so Vedenin. Dieses Ergebnis hat die Experten erstaunt. Doch auch wenn die harten Sprengköpfe eine reiche Fauna trugen, waren manche Bereiche um die Weltkriegsmunition frei von Lebewesen.

Messung: Hohe Gift-Konzentrationen

Der Forscher schließt daraus, dass diese Umgebung wegen Chemikalien aus der alten Munition zu giftig für die Tiere ist. Die Konzentration von Giften - unter anderem TNT sowie Ammoniumnitrat und Phosphor - sei stellenweise sehr hoch gewesen, sagte er.

Die Sprengköpfe sollen geborgen werden. Einfach sei das nicht, so Vedenin. Da einzelne Objekte verrostet und miteinander verklebt seien, könnten dabei Phosphor oder andere Substanzen austreten. Mit Steinen oder Beton wollen die Forscher die Lebensräume für die Tiere auf der alten Munition ersetzen.

Granaten, Torpedos, Minen: Viel Altmunition in der Ostsee

Im Bereich der deutschen Nord- und Ostseeküste liegen schätzungsweise 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Kriegsmunition auf dem Meeresgrund. Die Munitionshüllen rosten immer stärker durch, und dabei treten Schadstoffe aus, wie Geomar-Direktorin Katja Matthes im Juni auf einer Tagung zur Bergung der Altlasten sagte. In der südwestlichen Ostsee seien bereits rund 3.000 Kilogramm giftige Chemikalien freigesetzt worden. 

Die Bundesregierung hat für ein Sofortprogramm zur Bergung von Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Vor rund einem Jahr hatten drei Unternehmen im Auftrag des Bundesumweltministeriums damit begonnen, Weltkriegsmunition aus der Lübecker Bucht zu bergen.


Bildnachweis: © Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
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