Rainer Langhans radelt. Rainer Langhans spielt Tischtennis. Rainer Langhans meditiert. Der Alt-68er lebt seit Jahren mit der Diagnose Prostatakrebs - und bereitet sich nach eigenen Worten aufs Sterben vor. Im März hatten Schlagzeilen aufgeschreckt: Langhans liege im Sterben, war zu lesen. Langhans hat das anders gemeint. «Ich habe mich aufgrund des inneren Weges mit dem Sterben schon lange beschäftigt. Ich übe Sterben, kann man sagen», erläuterte er. Damit gehe es ihm «sehr gut». Am 19. Juni wird er nun 85 Jahre alt. Sein Umgang mit der Krankheit klingt eigenwillig. Über die Krebs-Diagnose «war ich begeistert anstatt erschrocken», sagt er. Meditation bedeute, dass man jeden Tag zu sterben versuche. Der Krebs habe ihm die Chance gegeben, dieses Üben zu intensivieren. Er wolle Menschen Mut machen, eine Krankheit anzunehmen, sagt der Ex-Kommunarde. Er erlebe gerade, dass sich, «seitdem ich diese Diagnose habe, mein Leben noch mal entschieden verbessert». Mit drei Frauen lebt er im Münchner Stadtteil Schwabing in einer gelegentlich «Harem» genannten Gemeinschaft, wenngleich nicht in einer Wohnung. «Es ist eine Kommune, aber dadurch, dass die Körper nicht zusammenleben, können wir geistig zusammenkommen.» «Die Frauen» - so nennt er seine drei Lebensgefährtinnen - sind bisher nicht besonders besorgt um ihren Rainer. Auch sie befänden sich auf diesem Weg. «Sterben lernst du nur, wenn du dein Leben positiv interpretierst», sagt Christa Ritter. Sie lebt mit Gisela Getty und Brigitte Streubel im selben Haus in Schwabing, jede aber in ihrer Wohnung. Die Frauen verstehen sich auch untereinander als Gemeinschaft. «Wir inspirieren uns gegenseitig.» Den Begriff «Harem» sehen sie entspannt. Er werde kolonialistisch missverstanden als Unterdrückung der Frauen - was so nicht stimme, sagt Ritter. In den 1968er Jahren hatte Langhans die legendäre Kommune 1 mitbegründet. Die Mitglieder wurden mit ihrem radikalen gesellschaftlichen Gegenentwurf zum Bürgerschreck. Sie wandten sich gegen die Nazi-Generation, den Schah, den Vietnam-Krieg. Ihre Aktionen vom Kaufhausbrand-Flugblatt bis zum – gescheiterten – Pudding-Attentat auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey machten Schlagzeilen. Für Aufsehen sorgte das Bild der nackten Kommunarden von hinten. Durch die Beziehung mit ihm wurde damals das Fotomodell Uschi Obermaier bekannt - und zur Ikone. Die Beziehung zerbrach laut Langhans an unterschiedlicher Sicht auf die Sexualität. Der Slogan gegen Kalten Krieg und Vietnamkrieg «Make love, not war» sei missverstanden worden. Es sei schon in der Kommune 1 um geistige Verbindung gegangen – «geistigen Sex». Wirklich freie Liebe sei von Sex und Körper befreit. Das Image der sexuellen Revolution freilich blieb. Für ein vergoldetes Schamhaar von Langhans gab es 2018 einen mit dem symbolischen Preis von 1.968 Euro dotierten Kunstpreis. Auch im fortgeschrittenen Alter bleibt Langhans – Grimme-Preisträger, Autor, Schauspieler und Filmemacher und zuletzt gelegentlich Apo-Opa genannt – in seiner Lebensführung radikal: Vegetarische Ernährung. Spaziergänge. Radfahren. Ein wenig Tischtennis. Meditation. «Artgerechte Haltung» nennt Langhans das. «Ich bin ganz bewusst sehr arm, um nicht gezwungen zu sein, Geld zu verdienen.» Sein Markenzeichen neben der weißen Mähne: weiße Kleidung – weil Weiß alle Farben enthalte. 2011 nahm er am RTL-«Dschungelcamp» teil. Dafür habe er viel Geld bekommen, das er aber weitestgehend spendete. Es sei ihm um die Kommune-ähnliche Erfahrung gegangen, eine Art Kommune-Trainingsprogramm. Mit seinen Ansichten blieb Langhans gelegentlich allein. Unverstanden oder: nicht von dieser Welt - sein Lebensthema ist auch Markenzeichen. Er wurde als erstes von vier Kindern in Oschersleben bei Magdeburg geboren. Sein Gefühl damals: «Ich gehöre nicht hierher.» Die Eltern konnten damit nicht umgehen, gaben ihn in ein strenges religiöses Internat. Danach ging Langhans erst einmal in eine ganz andere Richtung: Er wurde Zeitsoldat. Das ermöglichte ihm ein Studium. In Berlin studierte er zuerst Jura und dann Psychologie, allerdings ohne Abschluss. Im «Argumentclub» und im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) fand er Gleichgesinnte. Aus der außerparlamentarischen Opposition (Apo) entstand die Kommune 1. Dort galt das Motto: «Das Private ist politisch.» Somit propagierte Langhans zuletzt das freizügige Teilen persönlicher Daten im Netz. «Ich gebe meine Daten freiwillig und bekomme dafür Euro», laute der Deal, sagte er zu seinem 80. Geburtstag. Die Corona-Krise sah er als Chance zur inneren Einkehr und «Meditationseinheit» für die ganze Gesellschaft - ebenso wie seine eigene Krankheit. Er habe derzeit keinerlei Symptome, sagt er. Er habe keine Operation und keine Chemotherapie gewollt, bekomme aber eine Therapie, die das Testosteron palliativ auf Null herunterfahre. «Ich bin chemisch kastriert», sagt er. «Ich bin also überhaupt kein Mann mehr, wenn man so will. Ich bin inzwischen ein Mensch, statt nur ein Mann zu sein.» Auch das sieht er als Chance: Es hebe «über all diese Niederungen der Libido hinaus». Den runden Geburtstag organisieren die Frauen - statt Kaffee und Kuchen soll es tiefere Gespräche geben, sagt Christa Ritter. Langhans selbst sagt, er sei ohne Wünsche: «Ich bin ja schon glücklich - ich wünsche nichts mehr.»Sterben, anders betrachtet
Ein besonderes Beziehungsmodell
Kommune 1: Rebellion gegen das Establishment
«Apo-Opa» mit radikaler Lebensführung
Zwischen Dschungelcamp und Datentransparenz
Ein Fremder in dieser Welt
Corona als «Meditationseinheit» für die Gesellschaft
«Mensch statt nur Mann»
Ohne Wünsche
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Rainer Langhans zum 85. wunschlos: «Bin ja schon glücklich»
Rainer Langhans steht wie kaum jemand für die 68er-Revolution und sexuelle Befreiung. Eigenwillig ist sein Lebensentwurf, auch im Alter. Ein Leben zwischen Meditation, Krebsdiagnose und drei Frauen.
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