11. August 2024 / Aus aller Welt

Forscher sind Seerouten antiker Kapitäne auf der Spur

Mit einem nachgebauten römischen Handelsschiff haben Forscher auf dem Mittelmeer viele Daten gesammelt. Sie sind die Grundlage für einen digitalen Routen-Atlas, der bald freigeschaltet wird.

Nach Testfahrten nach Römerschiff wissen Forscher mehr
Veröffentlicht am 11. August 2024 um 03:35 Uhr

Trierer Forscher sind den antiken Handelsrouten römischer Kapitäne auf der Spur. In einigen Wochen werde eine erste Version eines Digitalen Interaktiven Maritimen Atlas zur Geschichte freigeschaltet, der Seerouten für das damals gängige Handelsschiff «Bissula» simuliere, sagte der Althistoriker und Leiter des Forschungsprojektes, Christoph Schäfer, der Deutschen Presse-Agentur in Trier. Grundlage seien die Daten, die das Team bei Testfahrten mit dem originalgetreu nachgebauten Römerschiff vor knapp einem Jahr im Mittelmeer gesammelt habe.

«Das ist ein richtiger Quantensprung», sagte Schäfer zu den Simulationen. «Wir können die Verläufe der Routen unter realistischen Bedingungen für die Kaiserzeit darstellen.» Für den digitalen Atlas seien 20 Jahre Wetterdaten aus den 1990er- und 2000er-Jahren hinterlegt, die laut Klimaforschern den Verhältnissen der römischen Kaiserzeit entsprechen würden. «So können wir Fahrzeiten praktisch tagesgenau berechnen», sagte Schäfer an der Uni Trier.

«Bissula» auch bei hohem Wellengang stabil

Die mehrwöchigen Testfahrten mit dem Segelschiff-Nachbau in der Bucht vor Cannes in Südfrankreich hätten die notwendigen Daten zur Leistungsfähigkeit des Schiffes geliefert. «Jetzt stochern wir nicht mehr im Nebel, sondern haben exakte Daten.» Die «Bissula» liege «erstaunlich stabil in der See und habe hohen Seegang abgewettert», sagte Schäfer. Frühere Studien hätten immer nur prognostiziert, wie römische Schiffe gefahren sein könnten.

«Was wir nun berechnen, sind die optimalen Kurse, die antike Kapitäne mit diesem Schiffstyp erreichen konnten.» Es habe sich gezeigt, dass eine Fahrt mit der «Bissula» von Karthago in Nordafrika nach Rom in drei Tagen realistisch sei. Von Rom in die ägyptische Hafenstadt Alexandria habe man neun oder zehn Tage gebraucht. Der digitale Atlas soll auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. 

Der Typ «Bissula» sei typisch für die römische Kaiserzeit gewesen und «sicher in hohen Stückzahlen» gefahren, sagte Schäfer. Auf Schiffen sei Getreide von Afrika nach Rom transportiert worden. Olivenöl kam aus Spanien nach Rom. In dem in den 1980er-Jahren bei Marseille ausgegrabenen Wrack, das den Bau der «Bissula» ermöglichte, habe man Amphoren auch für Wein gefunden.

Trierer Wissenschaftler hatten den 16 Meter langen und 5 Meter breiten Segelfrachter von 2017 bis 2019 mit Studenten und Handwerkern in Trier originalgetreu nachgebaut. Mitte September 2023 war das Schiff über Wasser und Land nach Südfrankreich gebracht worden. Seit Ende vergangenen Jahres liegt es wieder in einem Hafen in Trier.

Weitere Forschungspläne

Die virtuellen Simulationen der «Bissula» seien ein Anfang für weitere Schritte, sagte der Wissenschaftler. «Wir wollen auch andere Schiffstypen hinterlegen.» Das bedeute aber nicht, dass man auch andere antike Schiffe in Originalgröße nachbaue. «Das ist vom Aufwand her zu groß.» Stattdessen experimentiere man jetzt mit Großmodellen, bei denen Schiffstypen nicht eins zu eins, sondern im Verhältnis eins zu drei nachgebaut würden. 

Um mögliche Abweichungen einrechnen zu können, sei auch ein Eins-zu-Drei-Modell der «Bissula» angefertigt worden. Die damit gewonnenen Messdaten - unter anderem auf der Mosel und auf dem Bostalsee im Saarland - sollten dann mit den Daten des Eins-zu-Eins-Nachbaus verglichen werden. Aufgrund dieser Ergebnisse könnten 1:3-Rekonstruktionen anderer Schiffstypen künftig ebenfalls zu Simulationen herangezogen werden.

«So können wir dann den römischen Seeverkehr immer differenzierter erfassen», sagte Schäfer. Das Projekt ist ein Langzeitvorhaben, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft voraussichtlich bis 2030 gefördert wird.


Bildnachweis: © Harald Tittel/dpa
Copyright 2024, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Genuss aus der Region: Tastingerlebnis bringt schwäbische Spirituosen ins Rampenlicht
Inside-News

Regionale Destillate, echte Handwerkskunst und spannende Tastings: Tastingerlebnis macht Genuss zum Erlebnis mit schwäbischer Handschrift.

weiterlesen...
Lebenslang für Raser nach Rennen - Was Opferangehörige sagen
Aus aller Welt

Die Spannung bei den Angehörigen der beiden Toten löst sich zu Beginn des Urteils. Die beiden Raser, die den fatalen Unfall in Ludwigsburg verursachten, müssen lange in Haft. Aber die Trauer bleibt.

weiterlesen...
Genuss aus der Region: Tastingerlebnis bringt schwäbische Spirituosen ins Rampenlicht
Inside-News

Regionale Destillate, echte Handwerkskunst und spannende Tastings: Tastingerlebnis macht Genuss zum Erlebnis mit schwäbischer Handschrift.

weiterlesen...

Neueste Artikel

Sicherer Start auf zwei Rädern: ADAC prüft Kinderräder
Familie & Freizeit

ADAC testet 24-Zoll-Kinderräder: Große Unterschiede bei Sicherheit, Schadstoffen und Straßentauglichkeit.

weiterlesen...
„Tanz der Vampire“ kehrt 2027 nach Stuttgart zurück – Kult-Musical feiert großes Jubiläum
Kultur

Das Kult-Musical „Tanz der Vampire“ kommt 2027 in neuer Produktion nach Stuttgart – Vorverkauf gestartet, Premiere im Frühjahr.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Tag vier der Walrettungs-Aktion vor Insel Poel startet
Aus aller Welt

Seit 20 Tagen liegt der tonnenschwere Buckelwal vor der Ostseeinsel Poel fest. Möglicherweise wird das Tier heute aus seiner misslichen Lage befreit – die Arbeiten der privaten Initiative ziehen sich.

weiterlesen...
Sechs Monate nach dem Raub: Wo sind die Louvre-Juwelen?
Aus aller Welt

Verdächtige sind gefasst, die Beute bleibt verschwunden. In Polizeikreisen spricht man von «verfluchtem Schmuck». Wo stehen die Ermittlungen sechs Monate nach dem Einbruch im Pariser Museum?

weiterlesen...